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Antijudaismus
in der Bekennenden Kirche? Vortrag
in der St.-Thomas-Gemeinde am 19. 11. 2008 Anlässlich
der Ausstellung „getauft – verstoßen – deportiert“ 1 Die
Frage, ob die Bekennende Kirche antijudaistisch war oder nicht, läßt
sich nicht mit einem Urteil über sie im ganzen beantworten. Denn sie
bildete keine geschlossene Einheit; sie war nicht homogen. Manfred Gailus
hat in mehreren Veröffentlichungen gezeigt, daß sie sich zum größten
Teil aus den Kreisen des national-konservativen Bürgertums rekrutierte.
So war sie politisch und theologisch weithin konservativ. Viele ihrer
Mitglieder äußerten zumindest am Anfang des NS-Regimes starke Sympathien
dafür - bis hin zur Begeisterung. Theologisch konservativ: Eingefleischt
in die dogmatische Überlieferung war der christliche Antijudaismus. Er
gab dem jüdischen Volk als solchem die Schuld an dem Tod Jesu; er erklärte,
das jüdische Volk sei durch starres Festhalten an seinem Gesetz unempfänglich
für die Botschaft Christi, allein die Gnade Gottes könne den Menschen
von der Verdammnis erlösen; und er behauptete - dem säkularen
Antisemitismus ähnlich -, dem jüdischen Wesen sei eine Neigung zu Wucher
und Schacher , List und Winkelzug eigentümlich. Diese Auffassung gehört
zur Ausgangslage der Bekennenden Kirche. Auch jene, die über die
Judenverfolgung und -vernichtung erschraken und versuchten, ihr
entgegenzuwirken, haben dieser Auffassung sehr selten öffentlich
widersprochen.[1]
Im übrigen zeigte sich die Uneinheitlichkeit der Bekennenden besonders in
der Kirchenprovinz Mark Brandenburg bald nach ihrer Gründung in
schmerzhafter Deutlichkeit: Den politisch konservativ gesonnenen
Mitgliedern, die eine Zusammenarbeit mit der "Deutschen Evangelischen
Kirche" und dem "gleichgeschalteten" Evangelischen
Konsistorium weiterhin für möglich und nötig hielten, traten die sog.
Dahlemiten[2] entgegen, eine Gruppe von
Theologen, die dafür hielten, die Bekennende sei die einzig legitime
Kirche, und darum den Kontakt mit dem Konsistorium abbrachen. Fast alle
von ihnen waren Barthianer. Karl Barth hatte die klarste, weil politisch
unbefangene Darstellung der traditionellen Lehrmeinung über das Verhältnis
zwischen Christen und Juden vorgelegt. Ich halte es für angezeigt, sie
zum Gegenstand meines Referates und meiner Kritik zu machen. 2 Sie
wissen, daß Karl Barth unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg die Kirche
und die Theologie fasziniert und aufgerührt hat. 1918 erschien in erster
Auflage sein Kommentar zum Römerbrief. Darin entwickelte er das Motiv von
Gott als "dem ganz anderen" (die Formulierung stammte von Rudolf
Otto[3]).
Gott ist demnach nicht allein, wie schon Kant gelehrt hatte,
wissenschaftlich, theoretisch, nicht zu erfassen. Er überschreitet alle
Vorstellungen, die sich die Menschen von ihm machen. Er ist auch ganz
anders als die moralischen Ideale der Menschen. Er ist nicht einfach die
Verlängerung alles dessen, was wir als edel, hilfreich und gut empfinden,
gerecht und weise, tapfer und heldenmütig. An der Erfahrung Gottes
zerbrechen unsere moralischen Ideale wie unsere theoretischen Begriffe.
Gott ist der Einspruch gegen menschlichen Stolz, menschliche
Selbstherrlichkeit. In diesem Sinne ist er der Richter. Er führt uns auf
unsere kreatürlichen Maße zurück - zu Buße und Umkehr. Der Erste
Weltkrieg hatte die bürgerliche Kultur zum Einsturz gebracht. Karl Barth
sah darin einen Akt göttlichen Gerichts. Er sah davon besonders das
Muster der liberalen Theologie betroffen, das Gott auf ein humanistisches
Ideal reduziert hatte (Tambacher Vortrag: "Der Christ in der
Gesellschaft". In: J. Moltmann ((Hrsg.)), Anfänge der dialektischen
Theologie. Teil I München 1977). Der
Bruch der bürgerlichen Ordnung - eine Gerichtserfahrung. Von hier kam
Barth ohne viel Umwege zu dem Motiv einer gründlichen Kritik der
Religionen, auch der Kirche. Denn Religion - das war allemal der Versuch,
Gott an die menschlich-soziale Realität zu binden. So aber wird ihm seine
Freiheit aberkannt. Er ist "ganz anders", er ist viel mehr als
die große Beruhigung, für die die Kirche die Verantwortung übernommen
hat, wenn sie ihn als den weisen, gütigen Weltlenker verehrt. Er ist die
Quelle der beständigen Unruhe und Ungewißheit unseres Lebens. Wir wollen
uns beruhigen bei der Klarheit, die Vernunft und Moral erreichen mögen.
Doch Gott durchkreuzt dies Unternehmen. Er stellt unsere Begriffe in Frage
und wirft unsere religiösen Lehrgebäude über den Haufen. Wenn die
Religion mit der Versenkung in ihre Gottesvorstellungen Gott ganz nah zu
kommen meint, ist sie ihm in Wahrheit ganz fern. Es hängt allein von
seiner gnädigen Entscheidung ab, ob er sich ihr auf neue Weise zuwendet.
Wehe der Kirche, wenn sie sich gegen diese Wendung blind und taub macht.
Auf der anderen Seite ist die Religion notwendig. Sie muß sein, die
Menschen können nicht anders als sich die Erfahrung Gottes in
menschlichen Formen zu eigen zu machen. Die Religion muß schuldig werden,
und nur Gott kann sie durch neue Zuwendung von ihrer Schuld erlösen. Es
besteht eine Maßstab setzende, vollkommene Erfahrung dieser erlösenden
Zuwendung: Jesus Christus. In ihm hat Gott sich rückhaltlos in das Leben
der Menschen versenkt, und zugleich die menschlichen Begriffe und Ideale rückhaltlos
zerbrochen. Jesus Christus ist Sieger über Sünde und Tod, denn nicht ein
Traum unendlichen Lebens, unendlicher Macht hat hier den Anspruch erhoben,
die Angst des endlichen Lebens zu besiegen, sondern die rückhaltlose
Annahme der Endlichkeit, der Sterblichkeit hat die Menschen von dem Zwang
befreit, ihr Leben zu entwerten - der eigentlichen Quelle der Angst. In
Jesus Christus hat sich Gott den Menschen zugewendet, wie er frei von Größenphantasien
verehrt werden will. Darum liegt in seinem Leben das Gericht über die
Religionen und zugleich die Rechtfertigung ihres neuen Anfangs. Er ist der
Richter über alle Religionen; mit ihm können Menschen aus aller Herren Länder,
Mitglieder aller Religionen ihre Gottesverehrung, mithin ihr Leben neu
beginnen. 3 Damit
sind wir bei unserem Gegenstand: dem Verhältnis der Kirche, besonders der
Bekennenden Kirche, die weithin von Karl Barth inspiriert wurde, zur jüdischen
Religion. Barth stellt einen einfachen Grundsatz auf: Vor Gott, wie er
sich in Jesus Christus offenbart hat, gibt es keinen Unterschied zwischen
den Religionen, also auch nicht zwischen Kirche und Judentum. Als
Religionen sind sie gleichermaßen gerichtet. Die Rücksicht auf die
Heilsgeschichte trägt einen weiteren Grundsatz bei: In Jesus Christus
sind "Israel und Kirche" untrennbar miteinander verbunden; denn
Jesus ist der Messias, den das Volk Israel erwartet hat. Er bleibt es für
immer, auch in der Zeit, in der Israel ihm die Anerkennung verweigert. Ich
zitiere aus dem 1942 in erster Auflage erschienenen Band II/2 der
"Kirchlichen Dogmatik"[4]:
"Die Gnadenwahl ist als Erwählung Jesu Christi zugleich die ewige
Erwählung der einen Gemeinde Gottes, durch deren Existenz Jesus Christus
der ganzen Welt bezeugt, die ganze Welt zum Glauben an Jesus Christus
berufen werden soll. Diese eine Gemeinde Gottes hat in ihrer Gestalt als
Israel der Darstellung des göttlichen
G e r i c h t e s , in
ihrer Gestalt als Kirche der Darstellung des göttlichen
E r b a r -m e n s zu
dienen. Sie ist in ihrer Gestalt als Israel zum
H ö r e n , in ihrer
Gestalt als Kirche zum G l a
u b e n der an den Menschen ergangenen Verheißung bestimmt. Es ist
der einen erwählten Gemeinde Gottes dort ihre
v e r g e h e n - d e
, hier ihre
k o m m e n d e Gestalt
gegeben." Dabei
muß man sich von vornherein klar machen: Mit "Israel" und
"Kirche" meint Barth hier nicht die entsprechenden empirischen
Größen - das jüdische Volk und die bestehenden, in ihre Konfessionen
getrennten Kirchen, sondern er meint zwei Arten, in denen die göttliche
Gnadenwahl sich darstellt. In diesem Sinne gibt es auch in den empirischen
Kirchen "Israel" - Darstellung des Gerichts, ebenso in der jüdischen
Tradition "Kirche" - Darstellung des Erbarmens. Was Israel und
Kirche menschlich: geschichtlich-soziologisch oder gar biologisch-rassisch
voneinander trennt, kann und darf in der Kirche nicht gelten. Denn Jesus
Christus ruft alle Menschen in die e i n e Gemeinde.[5]
Ob ein Mensch Jude oder Christ sei, entscheidet sich nicht menschlich,
sondern göttlich. Die Entscheidung ist Gottes Sache, ein Moment der göttlichen
Gnadenwahl. Ein
weiteres Zitat möge diese Feststellung verdeutlichen: "
I s r a e l ist das seiner göttlichen
Erwählung sich widersetzende V
o l k d e r
J u d e n . Es ist die
Gemeinde Gottes, sofern diese auch die Unwilligkeit, Unfähigkeit und Unwürdigkeit
des Menschen gegenüber der ihm zugewendeten Liebe Gottes darzustellen
hat. Indem Israel seinen Messias Jesus den Heiden ausliefert zur
Kreuzigung, bezeugt es die Gerechtigkeit des von Gott selbst getragenen göttlichen
Gerichts über den Menschen. Und indem es der erfüllten Verheißung so
begegnet, bleibt es deren Hörer, ohne zum Glauben an sie vorzudringen. Es
kann in seiner Existenz nur das Vergehen des alten, Gott so gegenübertretenden
Menschen sichtbar machen. - Israel ist aber als das der göttlichen Erwählung
sich widersetzende Judenvolk zugleich d
e r h e i m l i c h e U r s p r u n g d
e r K i r c h e, in der
allein Gottes Erbarmen allein durch den Glauben an Gott allein gepriesen
werden kann, in der gerade der Glaube nur Gehorsam- das vollkommene Hören
ist, in der das Kommen des neuen Menschen nur im Vergehen des alten wahr
wird. Die
K i r c h e ist die
auf Grund ihrer Erwählung berufene V e r s a m m l u n g a u s
J u d e n u n d
H e i d e n . Sie
ist die Gemeinde Gottes, sofern diese die Willigkeit, Bereitschaft und
Ehre Gottes dem sündigen Menschen gegenüber darzustellen hat. ... Indem
sie erkennt und bekennt, daß das göttliche Wort in seiner Erfüllung stärker
ist als aller Widerspruch seiner Hörer, darf sie es glauben, bewahren und
tun. Sie darf in ihrer Existenz das Kommen des neuen, von Gott an- und
aufgenommenen Menschen sichtbar machen. - Die Kirche ist aber als die auf
Grund ihrer Erwählung berufene Versammlung aus Juden und Heiden zugleich die o f f e n - b
a r t e B e s t i m m u n g
I s r a e l s , das durch sie bestätigt wird: als erwählt zur
Hervorbringung dessen, in dessen Person Gott alle menschliche Sünde und
Not zu seiner Sache macht, als ausgezeichnet durch das Hören seines
Wortes, das dem Glauben daran auf alle Fälle vorangehen muß, als die
Gestalt des alten Menschen, der eben mit seinem Vergehen dem neuen,
kommenden Raum schafft."[6] Ich
hebe noch einmal hervor: Ob jemand ein Jude oder ein Christ ist, wird nach
Barths Auffassung nicht von Menschen, sondern allein von Gott entschieden.
Menschliche Eigenart und Willkür geben darüber nicht den Ausschlag,
sondern allein die unbedingte Willkür Gottes. Das Thema "Israel und
Kirche" gehört zur Prädestinationslehre; ihr ein deutliches Profil
zu geben, hat Barth sich in der Tradition Calvins besonders bemüht. 4 Wir
kommen zu der Frage: Ist seine Auffassung des Verhältnisses von Israel
und Kirche anti-judaistisch oder nicht? Dagegen spricht die von ihm
behauptete Zusammengehörigkeit von Israel und Kirche in der einen
Gemeinde Gottes. Zwischen Juden und Christen wird
i n - n
e r h a l b dieser Gemeinde
unterschieden. Es wird von Gott unterschieden. Er entscheidet, ob jemand
Jude oder Christ ist. Seine Entscheidung ist definitiv und über alle
menschliche Begründung, daher auch Anfechtung erhaben. Er entscheidet
allein. Ein Mensch kann hier nichts bestellen. Und ein Jude ist, wie der
Christ besonders auf die Erbarmung, besonders auf das Gericht bezogen.
Hier regt sich ein Einspruch in uns: Ist dieser Grundsatz nicht
anti-judaistisch? Die Juden sind auf das Gericht bezogen - sie erwartet
die Verdammnis, wenn sie aber von dort abkommen und zur Erbarmung hinübergezogen
werden, so hören sie auf, Juden zu sein, und werden zu Christen. Sie
werden bekehrt. Nun
sind die Juden in Barths Augen darum besonders auf das Gericht bezogen,
weil sie Jesus nicht als ihren Messias anerkannt haben. Die
"unaufhebbare Unterschiedenheit ihres Wesens (sc. dessen der Juden
und dessen der Christen) wird darin deutlich, daß sich das Volk der Juden
(indem es Jesus Christus zur Tötung an die Heiden überliefert) seiner göttlichen
Erwählung widersetzt, während die Versammlung aus Juden und Heiden (im
Glauben an denselben Jesus Christus) auf Grund ihrer Erwählung berufen
wird." Das Entscheidende ist dort: die menschliche Abwendung von dem
erwählenden Gott, hier: die Zuwendung des erwählenden Gottes zum
Menschen."[7] Hier nötigt exegetische
Erfahrung zu zwei Einwänden: a)
Ist es wirklich korrekt zu sagen, "das Volk der Juden" habe
Jesus zur Tötung an die Heiden ausgeliefert? War - und ist - es das jüdische
Volk schlechthin und als solches? Man muß historisch
feststellen: Es war die damalige Obrigkeit, der Sanhedrin (Luther nennt
ihn den "Hohen Rat"). Man kann über seine Motive streiten -
ebenso wie über die Frage, inwieweit die Entscheidung für das Volk repräsentativ
war. Der Sanhedrin hielt sich zur Loyalität den Römern gegenüber, den
Herren im Lande, verpflichtet. Nur Loyalität würde Sicherheit, auch
Rechtssicherheit, verbürgen. Und Jesus war mit einer großen Volksmenge
nach Jerusalem gekommen, in der es apokalyptisch gärte. Aber er war wie
seine Anhänger unbewaffnet, frei von militärischer Organisation. Die Römer
würden notwendig in der apokalyptischen Unruhe das Motiv des Aufstands
wittern. Doch um ein verläßlicher Bündnispartner der Obrigkeit zu sein,
war Jesus viel zu schwach. Man sah keine Wahl, man mußte ihn preisgeben.
Wie das Volk im ganzen dachte, ist damit nicht erfaßt. b)
Und exegetisch muß man
feststellen: Es ist vielleicht nicht zu entscheiden, wie Jesus selbst sich
zu dem Anspruch und der Erwartung stellte, die an den Begriff des Messias
gebunden waren. Die Briefe des Paulus und das Johannes-Evangelium lassen
nicht den geringsten Zweifel daran aufkommen, daß er der Christus war und
sich als solchen sah. Und Barth bezieht sich, wenn er es mit unserem Thema
zu tun hat, geradezu exklusiv auf Paulus; die Bekennende Kirche war im
ganzen durch eine Vorliebe für seine Briefe und das Johannes-Evangelium
gekennzeichnet. Der § 34 aus KD II/2, aus dem ich zitiert habe, enthält
eine ausführliche Exegese von Rom 9 - 11. Sie folgt den Bahnen, die Barth
in seinem Kommentar zum Römerbrief entworfen hat.[8]
Die synoptischen Evangelien jedoch, besonders das Markus-Evangelium, nötigen
uns zu einer differenzierteren Sicht. Demnach ist wohl nicht daran zu
zweifeln, daß Jesus seine Zeit als den Anfang der messianischen Zeit
empfand und davon überzeugt war, ihm komme darin eine zentrale,
entscheidende Rolle zu. So ließ er sich von der Begeisterung seiner Anhänger
nicht weniger als seiner eigenen Überzeugung nach Jerusalem tragen. Hier
trat der Dissens zwischen ihm und seinen Anhängern endgültig vor Augen
und kam zu schicksalhafter Auswirkung. Viele von ihn sahen in ihm den
Messias i. S. des neuen Königs David, der das Staatswesen Israels
wiederherstellen und zum Vorbild der Gerechtigkeit für alle Welt machen würde.
Doch als solcher enttäuschte er. Er wurde verhaftet, verurteilt und
hingerichtet. Das konnte dem Messias nicht passieren. Also konnte Jesus
nicht der Messias sein. Und nun muß man fragen, wie es seinen Anhängern
gelang, mit dieser Enttäuschung fertig zu werden und zu der Auffassung zu
kommen, er sei dennoch der Messias gewesen. Es entstand eine eigentümliche
Verbindung zwischen der Tradition der Erwartung des Messias mit jener des
Menschensohns (vgl. bes. Dan 7) sowie der deuterojesanischen Überlieferung
des Knechts Gottes. Diese Verbindung, aus der die Christologie entstand,
die kirchliche Lehre von Jesus Christus, ist - für Juden wie für
Christen - schwer zu verstehen. Alle ihre Motive stammen aus der jüdischen
Überlieferung, doch ihre Verbindung ist scher zu verstehen. Die Theologie
ist dafür verantwortlich, daß der Raum für das Gespräch über diese
Verbindung - mit den Zweifeln an ihr - eröffnet und offen gehalten wird.
Darin liegt ein zentraler Beitrag zu dem Gespräch zwischen Juden und
Christen, das auch in Barths Augen eine zentrale Aufgabe der Kirche sein
muß, wenn anders sich, wie er sagt, beide Seiten, Juden und Christen, auf
die eine Gemeinde Gottes zu bewegen. Wir
können bilanzieren: Erstens:
Wenn Barth den dogmatischen[9]
Gemeinplatz wiederholt, das "Volk der Juden" habe Jesus Christus
den Heiden zur Tötung überliefert, so folgt er damit ohne Distanz und
Differenzierung dem Schein und Anspruch des Sanhedrin, wie er um 30. n.
Chr. Geb. beschaffen war, mit der Auslieferung Jesu das ganze Volk zu repräsentieren.
Er macht aus diesem Repräsentationsanspruch ein heilsgeschichtliches
Prinzip. Diese Entscheidung trägt die Kennzeichen einer Rationalisierung
an sich, d. i. eine Deckbehauptung, unter der sich Unstimmigkeiten und
Konflikte, in diesem Fall der politisch-sozialen Realität, verbergen. Man
begibt sich damit der Chance, über diese Konflikte mit Aussicht auf Aufklärung
und Verständigung zu sprechen. Beide Seiten - Juden und Christen - haben
hartnäckig an dieser Rationalisierung festgehalten. Sie muß und wird
jedoch aufgelöst werden; diese Auflösung gehört zu den Schritten, die
beide Seiten unternehmen müssen, wenn ihre Vereinigung in der einen
Gemeinde Gottes konkret werden soll. Zweitens:
Ich sagte, die Anhänger Jesu sind nach ihrer Enttäuschung
über den Tod Jesu zu der Auffassung zurückgekehrt, er sei dennoch der
Messias gewesen. Darin liegt, daß sie den direkt politischen Anspruch des
Titels aufgegeben haben. "Mein Reich ist nicht von dieser Welt"
Joh 18, 36. Dagegen sagt man jüdischerweise: Wie kann er der Messias
gewesen sein, wenn er das Gemeinwesen, dem er angehörte, nicht
wiederhergestellt hat? Man sieht, umstritten ist hier der politische
Charakter und Anspruch der Messias-Tradition. Auch er muß für das Gespräch
zwischen Juden und Christen erreichbar und entwickelbar sein. Man darf die
Entscheidung über ihn nicht unter einem heilsgeschichtlichen Prinzip
verbergen. Mit solcher Verbergung widerspricht es seinem Anspruch, denn es
setzt das Unheil fort, die Virulenz, das Unheil des bis zur
Unbesprechbarkeit versteinerten Konflikts. 5 Zwischen
der Zeit der Bekennenden Kirche und uns liegt die Shoa,
die industriell betriebene, bürokratisch verwaltete Vernichtung des jüdischen
Volkes. Immer noch ist die Frage unerledigt, mit der Helmut Gollwitzer die
Predigt des Bußtags einleitete, der auf die
"Reichskristallnacht" folgte: "Was muten wir Gott zu, wenn
wir jetzt zu ihm kommen und singen und die Bibel lesen, beten, predigen,
unsere Sünden bekennen, so, als sei damit zu rechnen, daß Er noch da ist
und nicht nur ein leerer Religionsbetrieb abläuft! Ekeln muß es ihn doch
vor unserer Dreistigkeit und Vermessenheit. Warum schweigen wir nicht
wenigstens? Ja, es wäre vielleicht das Richtigste, wir säßen heute hier
nur schweigend eine Stunde lang zusammen, wir würden nicht singen, nicht
beten, nicht reden, nur uns schweigend darauf vorbereiten, daß wir dann,
wenn die Strafen Gottes, in denen wir ja schon mitten drin stecken,
offenbar und sichtbar werden, nicht schreiend und hadernd herumlaufen: wie
kann Gott so etwas zulassen?"[10]
Ich muß gestehen, ich kann keinen Gottesdienst beginnen, ohne an diese
Frage Gollwitzers zu denken: Müßten wir nicht eigentlich schweigen?
Versucht man, über die Shoa theologisch,
d. i. mit Bezug auf die neutestamentliche Überlieferung nachzudenken, so
nötigt sich ihre apokalyptische Deutung auf: Sie war eine apokalyptische
Katastrophe, eine Zerstörung der Zivilisation, des Kultes, der Kultur,
der Moral. Nun besagte die apokalyptische Erwartung, auf die Katastrophen
der gesellschaftlichen Ordnung werde das Reich Gottes folgen. Jesus
handelte in der Überzeugung, sein Handeln werde dessen Beginn anzeigen
und befördern. Wie steht es um diese Erwartung bei uns? An das Reich
Gottes als Zustand der Gesellschaft im ganzen wagen wir kaum zu denken.
Das Denken mit Bezug auf die Utopie ist vielfach enttäuscht, wenn auch
nicht aus unserem Bewußtsein ausgerottet. Die Träume sind verblaßt,
wenn auch nicht verlöscht. Die Apokalyptik sagt: Die Katastrophen sind
der erste Teil des göttlichen Gerichts. Demnach war es die Auffassung
Jesu: Jetzt ist die Zeit des Gerichts; und es ist
z u g l e i c h die
Zeit des beginnenden Gottesreichs. Wir können mit unseren Handlungen Gott
herbeirufen, und wenn er gegenwärtig ist, erneuert sich die Welt. Was für
Handlungen müssen es sein? Diese Handlungen müssen die Zwänge der Angst
und Feindschaft, Gier nach Reichtum und Herrschaft, auch die Zwänge, die
die menschliche Aufmerksamkeit, die Wachheit beschränken, Phobien und
Euphorien, hinter sich lassen; denn diese Zwänge haben zu den
Katastrophen der gesellschaftlichen Ordnung geführt. Sie sind gerichtet,
d. i.: sie sind erkennbar, identifizierbar, daher ist ein Handeln frei von
ihnen möglich. Wenn wir mit solchem Handeln - aktiv oder passiv - in
Verbindung kommen, erneuert sich die Welt. Wir sehen sie in neuem Licht.
Die Spuren des Leidens sind nicht ausgelöscht, und doch ruft sie unsere
Liebe hervor. Diese
Erfahrungen befähigen uns zu vorsichtigem Nachdenken über das Verhältnis
zwischen dem menschlichen Handeln und dem Handeln Gottes. Solches
Nachdenken führt zur Auflösung der alten dogmatischen Schranke zwischen
Juden und Christen - der Behauptung, die Juden wollten durch moralisches,
mit dem Wort des Paulus: gesetzliches Handeln die Gnade Gottes erzwingen,
während die Christen auf die Gnade allein, voraussetzungslose Gnade
hofften. Wenn solches Nachdenken sich mit der heiligen Schrift im ganzen
beschäftigt, erfüllt sich seine Ahnung von der Vielfalt und Veränderlichkeit,
auch Deutbarkeit des Verhältnisses zwischen menschlichem und göttlichem
Handeln. Als Abraham in seine Verhandlung mit dem Herrn, das Schicksal von
Sodom und Gomorrha betreffend, eintrat, von wem ging da der Anstoß zum
Gespräch aus? Der Herr informierte Abraham über seine Zerstörungsabsicht;
er wollte in ihm einen Mitwisser haben. Doch als Abraham davon erfuhr, war
es eindeutig sein Impuls, sich ins Mittel zu legen. Wollte der Herr
Abraham zum Mitwisser haben, weil er dessen Bedenken schon voraussah? Und
konnte Abraham seine Fürsprache so direkt vortragen, weil er ahnte, daß
der Herr ihre Absicht schon bei sich bedenke? Gleiche Fragen werden von
vielen Geschichten nahegelegt; sie sind es, die sie unvergeßlich machen.
Gott und Mensch werden einander zur Hebamme. Sie verhelfen einander zu
neuer Einsicht und neuen Entwürfen des Handelns. Wir können Jesus in
diesem ur-biblischen Licht sehen. Er legt es selbst nahe. Dann kann unser
Gespräch über Jesus auch den Juden angenehm und willkommen sein.
Dr. Lorenz Wilkens Priv. Doz. und Pfarrer i. R.
[1] Bezeichnend
ist die Anekdote von meinem Großvater, einem Pfarrer und Mitglied der
Bekennenden Kirche: Bald nach der "Reichskristallnacht"
machte er sich daran, alle Gräber des bei Rendsburg gelegenen jüdischen
Friedhofs zu fotografieren und zu beschreiben - aus Sorge, die SA
werde den Friedhof zerstören, was dann Gott sei Dank unterblieben
ist. Ein öffentliches Wort meines Großvaters gegen den Antijudaismus
fehlt jedoch. Otto Dibelius schrieb 1937 in einem offenen Brief an
Reichskirchenminister Kerrl: "Sie haben weiter gesagt: Die
Priester behaupteten, Jesus sei ein Jude; sie redeten von dem Juden
Paulus und sagten, das Heil komme von den Juden. Das gehe nicht! Ich
kann mich nicht erinnern, daß in früheren Zeiten die Predigt der
evangelischen Kirche diese Dinge irgendwie betont hätte. Nachdem sich
jetzt die Angriffe der Gegner fortwährend auf diesen Punkt richten,
ist die Kirche allerdings gehalten, zu betonen: Jawohl, Jesus von
Nazareth ist nach seiner menschlichen Natur aus dem Geschlechte
Davids, also ein Jude. - Daß Paulus ein Jude gewesen ist, hat noch
niemand bestritten. Daß das Heil von den Juden kommt, steht im
vierten Kapitel des Johannesevangeliums geschrieben als ein Wort Jesu
zur Samariterin - allerdings in einem andern Sinn, als es die Polemik
bibelfremder Kirchenfeinde behauptet." In: ders., Reden - Briefe
1933 - 1937. Erlenbach-Zürich 1970, S. 24. [2] So
genannt nach den Beschlüssen der Zweiten Bekenntnissynode in Dahlem
im Herbst 1934. [3] Rudolf
Otto, Das Heilige, 1917. [4] 2.
Aufl. 1946, S. 215. [5] Barths
Absage an den rassisch begründeten Antisemitismus ist damit unmißverständlich
verbunden. Er ist am Reformationstag 1933 in Berlin gewesen und hat
mit den Brüdern des Pfarrernotbundes gesprochen über ihre Stellung
zu Hitler und NS. Dabei hat er zu deutlicherer Parteinahme für die
Juden, seien sie getauft oder nicht getauft, gemahnt. [6] A.
a. O. S. 219. [7] A.
a. O. S. 220 [8] Vgl.
z. B. zu Rom 9, 32b - 33: "'Sie rannten an am Stein des Anstoßes
von dem geschrieben steht: Siehe ich setze in Zion einen Stein des
Anstoßes und Felsen des Ärgernisses und nur wer an ihn glaubt, wird
nicht zuschanden werden.' Der Stein des Anstoßes und Fels des Ärgernisses,
der doch zugleich der kostbare zu Zion gelegte Eckstein ist, ... ist
Jesus Christus. In ihm offenbart sich Gott rücksichtslos als der
verborgene, durchaus nur indirekt zu erkennende Gott. Hier verhüllt
er sich endgültig, um nur dem Glauben offenbar zu sein. ... Wer aus
der Wahrheit ist, der hört hier seine Stimme. (Variierendes Zit. aus
Ev. Joh. 18, 37 - L. W.). ... Die Krisis der Erkenntnis, die
Katastrophe der Religion bricht aus. Die Entblößung und Beschämung,
die mit einem undurchführbaren Unternehmen notwendig verbunden ist,
tritt unaufhaltsam ein. Die Kirche Esaus (d. i. Israel nach dem
Fleisch) ist und bleibt, was sie ist und
m u ß Christus,
der doch ihre einzige Hoffnung ist, ans Kreuz schlagen." Karl
Barth, Der Römerbrief. 5. Abdruck der neuen Bearbeitung München
1929, S. 354. [9]
Vgl. Paulus in 1. Thess
2, 14s.:"Denn ihr, liebe Brüder, seid dem Beispiel der Gemeinden
Gottes gefolgt - der christlichen Gemeinde in Judäa -, da ihr von
euren Mitbürgern dasselbe erlitten habt wie sie von den Juden. Diese
haben den Herrn Jesus getötet und die Propheten, sie haben uns
verfolgt, sie mißfallen Gott und sind allen Menschen feind." [10] Hildegard
Frisius & al. (Hrsg.), Evangelisch getauft - als Juden verfolgt.
Spurensuche Berliner Kirchengemeinden. Berlin 2008, S. 387.
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