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Walter
Sylten Vorstandsmitglied
der Evangelischen
Hilfsstelle für ehemals Rasseverfolgte zur Eröffnung der Ausstellung
„ getauft – verstoßen – deportiert“
am 8. November 2008 in der Evangelischen Kirchengemeinde St. Thomas Zum
Schicksal von Christen jüdischer Herkunft vor und nach 1945 Die
mir zugemessene Zeit möchte ich nutzen, um Ihnen davon zu erzählen,
wie die Christen sich nach 1933 fühlten, als sie plötzlich gewahr
wurden, dass sie trotz eigener Taufe als Kind, trotz
der Taufe der Eltern, oft sogar der Großeltern plötzlich von
Staats wegen zu Juden oder „Judenstämmlingen“ erklärt wurden –
und wie sich das nach 1945 weiter entwickelt hat. A.
Sehr häufig wussten die Betroffenen in der beginnenden Nazi-Zeit gar
nicht, dass ein, zwei oder auch vier ihrer Großeltern erst getauft
wurden, als diese schon älter waren. Zur Zeit von deren Geburt - also
vor damals zwei Generationen, damit kommen wir in die Mitte des 19.
Jahrhunderts - war es eben normal und selbstverständlich, dass Kinder
von Christen bald nach der Geburt getauft wurden. Und wenn nicht, dann
lag der Gedanke nahe, dass deren Eltern eben nicht Christen, sondern
wohl jüdisch waren – Alternativen gab es praktisch nicht. Die
gesamte angeblich so biologische Rassenlehre der NSDAP fußte auf der
Religion, weil alle biologischen Anstrengungen „jüdische Rasse“
nachzuweisen misslungen waren: Jude war deshalb, wer nicht als Kind
getauft worden war, Halbjude der, bei dem zwei von vier Großeltern
nicht als Kind getauft waren, Vierteljude der,
bei dem eines der vier Großelternteile nicht als Kind getauft
war. Da half nicht, dass
der Einzelne selbst oder sein/ihr Vater vier Jahre an der Front für
Deutschland gekämpft und dabei täglich sein Leben riskiert hatte, es
half nicht, dass er großartige Leistungen für das deutsche Kulturleben
erbracht hat, dass er konfirmiert und christlich getraut war – oder
sogar Theologie studiert hat wie mein Vater und etliche andere
Theologen. Kurz: es half nicht, wenn er und seine Vorfahren fest in die
deutsche Gesellschaft integriert waren. Es gab bisher keine Besonderheit
bei den plötzlich Ausgesonderten: sie selbst oder/und ihre Eltern waren
ebenso wahrhaft „deutsche Christen“ wie die anderen.
Die
plötzlich Ausgestoßenen hatten zwar vom latenten Antisemitismus gehört,
der seit einigen Jahren in Deutschland eingezogen war, aber der – so
meinten damals zunächst alle - betraf die orthodoxen Juden, die sich in
keiner Weise angepasst hatten, die mit Schläfenlocken und Kaftan. Nun
aber sollte jeder Deutsche den Urkundennachweis dafür liefern, dass
seine vier Großeltern bereits
als Kind getauft waren, also von Geburt an Christen waren. Das
galt dann als „arischer Abstammungsnachweis“. Da konnte einer noch
so blond und großgewachsen - im Gegensatz zu Goebbels, Himmler und
Hitler wirklich ein „nordischer“ Typ
sein: er galt plötzlich als Jude, Halbjude oder Vierteljude. Er
wurde von der „deutschen“ Schule verwiesen, verlor seinen
Arbeitsplatz und damit seine Existenzgrundlage, er durfte nicht in
seinem Gesangsverein oder seinem Handballverein bleiben, er durfte nicht
Mitglied in der deutschen Jugendbewegung sein (manchmal waren sie darüber
zunächst ganz froh, aber schließlich bedeutete dies eben doch auch
Isolierung und Ausschluss aus der Kameradschaft der Gleichaltrigen). Die
so Stigmatisierten durften nur unter bestimmten Voraussetzungen
heiraten; im Allgemeinen bedurfte es dazu einer Ausnahmegenehmigung des
Stellvertreters des Führers, die aber fast stets abgelehnt wurde. Außerehelicher
Geschlechtsverkehr wurde als Blutschande bei beiden Partnern hart
bestraft. In der Nachbarschaft wurde getuschelt, man vermied den Kontakt
mit ihnen wie zu einem Aussätzigen. Viele versuchten ihren „Makel“
geheim zu halten, aber das gelang natürlich vor allem den Stellen gegenüber
nicht, die auf einem solchen Nachweis bestanden: und „Datenschutz“
– das war ein noch völlig unbekannter Begriff. Zur großen Isolierung
kam auch die materielle Not: ohne Arbeitsplatz konnten die Familien
schließlich nicht die Wohnung halten, und selbst die Kosten für
Lebensmittel waren dann unerschwinglich hoch. Sozialhilfe
- der staatliche Rettungsanker für verarmte Familien heute und für
„arische“ Familien auch damals - konnten sie nicht in Anspruch
nehmen. Oft
scheiterten Ehen, weil der „arische“ Teil nicht in den Strudel
hineingerissen werden wollte oder, weil er die Kinder möglichst aus dem
Niedergang des plötzlich Ausgestoßenen heraushalten wollte. Umso
ehrenhafter die Frauen, die zu ihren Männern, und die Männer, die zu
ihren Frauen standen. Es ahnt heute kaum jemand, was dies an Wagemut und
Opferbereitschaft bedeutete. Es war ein schweres einsames Leben für die
von dem Bannstrahl der Rassenfanatiker getroffenen und nun von der
Gesellschaft verstoßenen Christen. Und diese christlichen Nichtarier
konnten meist nicht einmal familiäre Hilfe – weder finanziell noch
durch persönliche Nähe – in Anspruch nehmen, denn der „arische“
Teil der Verwandtschaft hielt sich meist zurück, hielt sehr schnell
Abstand, um nicht in den Abgrund hineingezogen zu werden. Hier waren die
getauften Christen noch schlechter dran als die jüdischen Familien:
denn bei denen waren alle gleichartig betroffen, hier aber nur die
Familienglieder, die von jüdischen Vorfahren abstammten; da ging der
Riss oft durch die Familien hindurch. Und
auch in den christlichen Gemeinden fanden sie meist keinen Rückhalt,
wenn dort bekannt oder wenigstens gespürt wurde, dass sie zu den
„Aussätzigen“, zu den Nichtariern gehören. Es gab nur wenige
Gemeinden, in denen einzelne Pfarrer wirkten, die – meist auch nur
heimlich - halfen. B.
Einer der wenigen Pfarrer, der von diesen Nöten der Christen mit jüdischen
Vorfahren wusste, war der Pfarrer in Berlin-Kaulsdorf Heinrich Grüber.
Er selbst war von den Rassegesetzen nicht betroffen, aber
er hatte über das Gleichnis vom barmherzigen Samariter nicht nur
gepredigt, sondern sich dieses auch zum Vorbild genommen. Und er hatte
organisatorische Begabung. Er
organisierte im Spätsommer 1938 ein Büro, in dem die christlichen
Nichtarier soziale, mitmenschliche Hilfe finden konnten. Das Büro hatte
bis zu 40 Mitarbeiter. Die meisten von ihnen waren selbst von den
Rassegesetzen betroffen. Das Büro stellte ein Netzwerk von Verbindungen
her zu den wenigen Helfern im gesamten damaligen Reichsgebiet. So konnte
das Büro erfahren, was im Reichsgebiet geschah und berichten, welche
Erfahrungen an anderem Orte im Umgang mit den NS-Behörden vielleicht
hilfreich waren. Mein Vater war der Stellvertreter Grübers und leitete
die innere Arbeit. Das Büro arbeitete eng zusammen mit dem Hilfsbüro
der jüdischen Reichsvereinigung, dem katholischen Hilfsbüro und den Quäkern,
die sich der Verfolgten angenommen hatten, die zwar aus dem Judentum
ausgeschieden waren, aber keiner christlichen Religionsgemeinschaft
beigetreten waren. Im Rahmen dieser Aufgabenverteilung übernahm das –
rechtlich rein private - Büro die Betreuung der verfolgten
evangelischen Christen: die verfasste evangelische Kirche
beobachtete die Büroarbeit aus der Ferne und gab laufend
Berichte an das Reichskirchenministerium. Grüber
hatte als nebenamtlicher Pfarrer der niederländischen Gemeinde in
Berlin viele Auslandskontakte und konnte sie nutzen, um Hilfe im Ausland
zu erbitten. Er führte auch die unausweichlichen Verhandlungen mit der
GESTAPO und hatte so mehrere Gespräche mit Eichmann. Später war er
dann der einzige deutsche Zeuge in Jerusalem im Prozess gegen Eichmann.
Die Auswanderungshilfe geschah sogar zunächst mit Wissen und Wollen des
Reichssicherheitshauptamtes, das an der Auswanderung von Juden
interessiert war. Der Massenmord wurde erst organisiert, als die fremden
Länder nach Kriegsausbruch keine Einwanderung mehr zuließen. Das Büro
wurde im Jahreswechsel 1940/41 geschlossen; zunächst Grüber und dann
mein Vater verhaftet: 14 von den etwa 40 Mitarbeitern wurden später
Opfer des Massenmordes. C.
Ein Ende des Terrors war stets erhofft, aber lange Jahre hindurch nicht in Sicht. Als sich dann alliierte Truppen von Ost und
West Deutschland näherten, konkretisierte sich für uns die Hoffnung
auf ein Ende der Schreckensherrschaft – meist überwog die Hoffnung
die Angst vor den Bomben und der anrückenden Front. Und
dann brach endlich eine neue Zeit an: Keiner war Nazi gewesen, keiner
hatte Böses getan oder auch nur gedacht! Auch
keiner der Christen. In dem Stuttgarter Schuldbekenntnis der
Evangelischen Kirche in Deutschland steht nichts über den Mord an den
Juden, nichts über das
Schicksal der eigenen Glaubensgenossen. Das Schicksal der Glaubensjuden
wurde allmählich bekannt, das Schicksal der Christen jüdischer
Herkunft blieb unbekannt in der Gesellschaft – und die Betroffenen
selbst waren bestrebt, möglichst schnell wieder einzutauchen in die
„normale“ Gesellschaft – nur nicht wieder zu einer Sondergruppe
gestempelt werden! Die meisten Betroffenen, so glaube ich, sprachen
nicht mit anderen über ihr Schicksal in jenen Jahren. Sie wollten nicht
mehr anders sein als die Mehrheitsgesellschaft. Und auch die
christlichen Gemeinden beider großen Kirchen wollten an ihr
Fehlverhalten nicht erinnert werden. Die Juden hatten verständlicherweise
auch kein Interesse, das Schicksal der aus ihrer Gemeinschaft vor
Jahrzehnten freiwillig durch die Annahme der Taufe ausgeschiedenen
Christen und deren Nachkommen als ein besonderes Schicksal darzustellen.
So entschwand das Erleben der getauften Christen mit jüdischen
Vorfahren aus dem Gedächtnis fast aller. Unmittelbar
nach dem Kriege gab es eine Kontroverse zwischen dem aus dem KZ
heimgekehrten Heinrich Grüber und dem Leiter des neu geschaffenen
Evangelischen Hilfswerkes. Grüber forderte im Hilfswerk eine Stelle,
die sich der besonderen Situation der bisher aus der Volksgemeinschaft
ausgestoßenen evangelischen Christen und ihrem sozialen Nachholbedarf
widmen sollte: sie brauchten schließlich Chancen, um die verlorenen
Jahre einer Berufsausbildung nachzuholen, sie brauchten Chancen, in
ihrem Beruf wieder unterzukommen, brauchten Hilfe für ihre mutwillige körperliche
und seelische Zerstörung. Das lehnte Gerstenmeier – er war einer der
Mittäter bei dem Attentatsversuch vom 20. Juli 1944 und später Präsident
des Deutschen Bundestages – sehr energisch ab: es gebe so viele
Deutsche, die heute leiden müssten: Vertriebene und Bombenopfer,
Heimkehrer und Gefangene der Alliierten wegen deren Kriegsverbrechen.
Dies führte zur Konsolidierung der Evangelischen Hilfsstelle für
ehemals Rasseverfolgte. In den ersten Jahren kamen viele Betroffene und
suchten dort Hilfe, später wurden es weniger, die meisten integrierten
sich wieder völlig in die „normale“ Gesellschaft, wollten möglichst
gar nicht mehr an die schrecklichen Jahre, die ihnen so viel Lebenskraft
genommen hatten, erinnert werden. Etliche aber suchten in diesen Kreisen
Hilfe und gegenseitige Unterstützung und die Gewissheit: in diesem
Umfeld begegne ich keinem, der damals Täter war. Insbesondere, wenn sie
älter wurden, und sich nicht mehr allein versorgen konnten, dann
suchten sie Heimunterkünfte, in denen sie beruhigt leben konnten, ohne
ihrem ehemaligen Unterdrücker zu begegnen. So hatte die Evangelische
Hilfsstelle eigene Altersheime. Aber die, die in den letzten Jahren in
dieses Alter kamen, wollten nun nicht wieder abgesondert werden, nachdem
sie einen Platz in der Gesellschaft gefunden hatten. Sie wollten auch
nicht mehr an die Erlebnisse in ihrer Jugendzeit erinnert werden. So
hat die Evangelische Hilfsstelle für ehemals Rasseverfolgte ihre
Heime aufgegeben. Jetzt treffen sich regelmäßig solche
Betroffene, die an dem zwischenmenschlichen Kontakt weiterhin
interessiert und dankbar sind, dass diese Jahre wohl endgültig zur
Vergangenheit gehören, auch wenn sie im älteren Menschen stets gegenwärtig
bleiben, ja – ich kann es aus eigenem Erleben sagen – wieder viel
wacher werden, als sie es in der vergangenen Jahren waren. Bischof
Huber hat das damalige Versagen der Kirche an ihren Gliedern in seiner
uns sehr wichtigen, geradezu umwälzenden Bußtagspredigt 2002 erkannt.
Sein Appell an Kirche und
Gemeinden hat leider nicht zu der von uns erhofften umfassenden Wende
beigetragen. Das Gespräch mit uns als Betroffene wurde nur vom Bischof
selbst gesucht. Einige, leider nur einzelne Gemeinden sprechen seither über
uns und haben ihre Arbeitsergebnisse kürzlich in einem Buch
herausgebracht. Im
Gegensatz zu den anderen vom NS-Regime verfolgten Gruppen: Juden,
Kommunisten, Sozialdemokraten, Sinti und Roma, Lesben und Schwule,
Liberale oder wen auch immer: diese Gruppen gab es schon vorher und sie
gibt es auch heute. „Christen jüdischer Herkunft“ waren ein
Konstrukt. Sie waren nach 1933 staatlich „erfunden“ worden und sind
seit 1945 als Gruppe wieder untergegangen. In einer Volkszählung vom
17.05.1939 wurden wohl etwa 120.000 Christen dazu gerechnet – aber man
muss bedenken, dass auch ihre „arischen“ Ehepartner, ihre Kinder
und Enkel – also insgesamt wohl 400.000 Christen - von dem
Makel betroffen waren. Die Erinnerung an ihr Leiden stärkt hoffentlich
das Bewusstsein dafür, wozu menschliche Unvernunft, Hass, Neid fähig
sind, wofür wir wohl alle verführbar sind. D.
Wie heißt es im 12. Kapitel des 1. Korintherbriefes Vers 13?
„Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leibe getauft,
wir seien Juden oder Griechen, Knechte oder Freie, und sind alle zu
einem Geist getränkt.“ Diesen Satz hatte unsere Kirche total
vergessen. Möge unsere Kirche das nie wieder vergessen – und wir
alle dies uns ins Gedächtnis rufen und in unseren Herzen bewahren.
Dazu besteht auch heute gegenüber den zu uns Fliehenden alle
Veranlassung. Deshalb ist eine solche Ausstellung, die hier heute eröffnet
und dann in möglichst viele Gemeinden weitergetragen wird, so aktuell
und wichtig.
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