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Bischof
Dr. Wolfgang Huber Vorsitzender
des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland Grußwort
zur Eröffnung
der Ausstellung „
getauft – verstoßen – deportiert“
am
8. November 2008 in
der Evangelischen Kirchengemeinde St. Thomas Es gilt das gesprochene Wort. Denk an deine Gemeinde, Gott, die du
vorzeiten erworben! Deine Widersacher lärmten an deiner
heiligen Stätte, stellten ihre Banner auf als Zeichen des
Sieges. Sie sagten in ihrem Herzen: „Wir zerstören
alles.“ Und sie verbrannten alle Gottesstätten
ringsum im Land. Wie lange, Gott, darf der Bedränger noch
schmähen, darf der Feind ewig deinen Namen lästern? Diese
Worte aus dem 74. Psalm habe ich zusammen mit Erzbischof Robert
Zollitsch wie ein Leitwort über unsere gemeinsamen Überlegungen zum
morgigen 9. November gestellt. In den unmittelbaren Zusammenhang dieses
besonderen Datums gehört ja auch die Ausstellung, die wir heute eröffnen.
Der
9. November ist ein denkwürdiges Datum in der deutschen Geschichte. Im
Jahre 1918 wurde an diesem Tag die Republik ausgerufen. 1923 marschierte
Hitler in München auf die Feldherrnhalle zu. Für uns Heutige ist vor
allem der 9. November 1989 mit lebhaften Erinnerungen verbunden – der
Tag, an dem die Berliner Mauer geöffnet und ein neues Kapitel der
Freiheit und Einheit in Deutschland aufgeschlagen wurde. Im Jahr 2008
aber muss unser Blick sich in besonderer Weise auf die dunkelste Epoche
unserer Geschichte richten. Während die Jahrestage 1918 und 1989
deutsche und europäische Aufbrüche der Freiheit und des Rechts
symbolisieren, steht der 9. November 1938 mit seinem Vorspiel am 9.
November 1923 für Hass und Gewalt, für Niedertracht und das Erblinden
des Gewissens. Er war ein Widerruf jener Freiheitsversprechen, mit denen
die erste deutsche Republik einst angetreten war, und bedeutete für die
deutschen Juden, dass sie keine sichere Heimstatt im eigenen Lande mehr
besaßen. In
der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 steckten Mitglieder SA und
der SS und ein randalierender Mob in ganz Deutschland Synagogen in
Brand, zerschlugen ihre Einrichtung, brachen in die Geschäfte und
Wohnungen jüdischer Deutscher ein, misshandelten die Bewohner und plünderten
ihr Eigentum. Anlass für diesen angeblich „spontanen“ Volkszorn war
das Attentat des siebzehnjährigen polnischen Juden Herschel Grynszpan
auf den Legationsrat Ernst vom Rath in Paris wenige Tage zuvor. Als am
Abend des 9. November die Todesnachricht kam, war alles gut vorbereitet
für eine Zerstörungsaktion, die mit dem auslösenden Vorgang in
Wahrheit nur wenig zu tun hatte. „Sie verbrannten die Gotteshäuser im
Lande“. Dietrich Bonhoeffer markierte diese Stelle in seiner Bibel und
fügte hinzu: 9. November 1938. In
den November-Pogromen von 1938 wurden wehrlose Menschen gedemütigt,
gepeinigt und ermordet, Gotteshäuser geschändet und zerstört. Die
schrecklichen Bilder von brennenden Synagogen haben sich in unser Gedächtnis
gebrannt. Sie lehren auch heute: Wo es keinen Respekt vor dem Heiligen
und dem für den menschlichen Zugriff Unverfügbaren gibt, dort gibt es
auch keinen Respekt vor den Menschen. Aber ins Gedächtnis gebrannt hat
sich auch das gleichgültige Dabeistehen, das unbeteiligte Wegschauen,
der Mangel an Empathie. Ins Gedächtnis einbrennen muss sich auch, dass
Menschen mit subjektiver Überzeugung auch angesichts dieser öffentlichen
und unübersehbaren Ereignisse sagten, sie hätten „nichts gewusst“. Dass
die Pogrome von 1938 nur ein Auftakt waren, sollte sich in der
Entwicklung nach dem 9. November 1938 mit bedrückender Intensität
zeigen – in dem sich steigernden Maß, in dem Jüdinnen und Juden in
Deutschland rechtlos gemacht, ihrer Lebenshoffnung beraubt, deportiert
und umgebracht wurden. Eine Geschichte des Grauens, an der wir auch als
Kirche beteiligt waren. Von dieser Beteiligung und von einzelnen Taten
der Rettung erzählt auch diese Ausstellung, in deren Zentrum der
Pfarrer dieser Kirche Willy Oelsner steht. Er gehört zu den Christen jüdischer
Herkunft, die noch rechtzeitig fliehen konnten; für andere kam solche
Rettung zu spät. Wieder andere überlebten, was im Rückblick wie ein
Wunder wirken mag. Die einen wurden deportiert, andere nahmen sich das
Leben, weil sie den täglichen Demütigungen und der täglichen Angst
nicht mehr gewachsen waren. Drei
Bücher begleiten mich in diesen Tagen ganz besonders. Es ist zunächst
der Briefwechsel zwischen Helmut Gollwitzer, dem Theologen, dessen
einhundertsten Geburtstag wir am 28. Dezember zu erinnern haben, und Eva
Bildt, dem „Mischling ersten Grades“, den Gollwitzer im Hause von
Jochen Klepper kennen gelernt hatte. Wenige Wochen nach der ersten
Begegnung verlobten Helmut Gollwitzer und Eva Bildt sich. Der
Briefwechsel schildert die Geschichte dieser Liebe – mit einer
vergleichbaren Intensität wie die Briefe zwischen Dietrich Bonhoeffer
und Maria von Wedemeyer. Die Heiratsgenehmigung, die beide brauchten, da
Eva Bildt „Halbjüdin“ war, wurde wieder und wieder verweigert. Eva
Bildts Lebensmut – „Ich will dir schnell sagen, dass ich lebe,
Liebster“ heißt der Titel dieses Buchs – war den Strapazen dieses
Lebens nicht gewachsen. Als die Bedrohung durch das Naziregime zu
weichen begann, dafür aber die Rote Armee sich näherte, nahm sie sich
das Leben. Das
zweite Buch stammt von Irène Alenfeld. Es führt uns ebenfalls in die
Atmosphäre von Christen jüdischer Herkunft in jener Zeit. Es zeigt im
einzelnen, dass nicht etwa die christliche Taufe besonderen Schutz
sicherte, sondern eher schon eine Lebenssituation, die in der Sprache
der damaligen Zeit auf den demütigenden Begriff einer „privilegierten
Mischehe“ gebracht wurde. Dass ein Jude mit einer Nichtjüdin
verheiratet war und aus dieser Ehe Kinder hervorgegangen waren, das
konnte, wie das Beispiel der Familie Alenfeld – die übrigens genau in
der Straße wohnte, in der ich heute zu Hause bin – das Überleben ermöglichen.
Und
schließlich, gerade erschienen: „Evangelisch getauft, als Juden
verfolgt. Spurensuche Berliner Kirchengemeinden.“ Ich bin dankbar dafür,
dass eine ganze Reihe von Berliner Kirchengemeinden sich seit 2002 auf
die Suche begeben und dem Schicksal von Christen jüdischer Herkunft
nachgespürt haben. Sie haben sich im Rahmen unseres „Forums
Erinnerungskultur“ in dem „Arbeitskreis Christen jüdischer Herkunft
im Nationalsozialismus“ zusammengefunden und haben den Opfern
nationalsozialistischen Rassewahns und kirchlicher Gleichgültigkeit
Namen und Gesicht gegeben. Das geschah unter besonderen Bedingungen: mit
geringen Forschungsmitteln, mit einem bewundernswerten Maß
ehrenamtlichen Engagements, mit deutlichen Grenzen, die auch durch die
Wahrung der Persönlichkeitsrechte betroffener Personen gegeben waren.
Ich will die erste Gelegenheit nach der Veröffentlichung dieses Buches
nutzen, um allen, die diese Aufgabe auf sich genommen und das Vorhaben
begleitet und koordiniert haben, meinen herzlichen Dank auszusprechen.
Nach dem vorangehenden Vorhaben, das dem Schicksal von Zwangsarbeitern
gewidmet war, die in kirchlichen und diakonischen Zusammenhängen
eingesetzt wurden, ist dies ein zweites Vorhaben, in dem wir als Kirche
unsere Schuld bekennen und die Namen, die Geschichte und die Würde der
Betroffenen ehren wollen. In
diesen Zusammenhang tritt für mich auch die Ausstellung, die wir heute
eröffnen. Heute
sind wir in einem Gotteshaus zusammengekommen, um die Ausstellung
„getauft – verstoßen – deportiert“ zu eröffnen. Die
evangelische Kirchengemeinde St. Thomas möchte mit dieser besonderen
Ausstellung ihren Beitrag dazu leisten, dass das Gedächtnis geprägt,
die Gewissensbildung gefördert und die Zukunftsgestaltung verantwortet
werden kann. Thomas
Pfarrer Wilfried Oelsner war von 1932 bis 1939 Seelsorger an St. Thomas.
Nach den Nürnberger Rassegesetzen galt der evangelische Theologe Ölsner
als Volljude. Wie durch ein Wunder gelang dem Pfarrer von St. Thomas zu
Beginn des Jahres 1939 die Emigration nach England. Vor einigen Jahren
versuchte ein Kreis von Gemeindegliedern eine Biografie ihres früheren
Pfarrers zu erstellen. Diejenigen, die sich auf die Spurensuche begaben,
stießen auf die Lebenswege anderer. Es kam mehr zum Vorschein als
erwartet. In einem Schreiben der St. Thomas Kirchengemeinde heißt es:
„In unserer Ausstellung thematisieren wir die Lebensgeschichten von
Menschen, die ähnlich und oft noch schrecklichere Verfolgungen erlitten
haben. Wir wollen auch danach fragen, inwieweit die St. Thomas-Gemeinde
diesen Gemeindemitgliedern – ob sie nun in der Köpenicker Straße, am
Engeldamm, in der Melchiorstraße oder an anderen Orten des
Gemeindegebiets wohnten – geholfen hat, zumindest wollen wir die Namen
und die Geschichte der Menschen, die als getaufte „Nichtarier“
verfolgt wurden, soweit uns das möglich ist, in das Gedächtnis zurückholen.
Unsere Ausstellung soll sich insbesondere auch an Jugendliche und an
Schulklassen richten.“ Nun
haben wir uns angewöhnt, die Taufe gering zu schätzen. Ob einer
getauft ist, was zählt das schon? So höre ich viele reden, auch in
unserer Kirche. Dass die Taufe ein Sakrament ist, scheint weithin
vergessen zu sein. Erst zögernd beginnen wir in unseren evangelischen
Gemeinden die Handlungsvollzüge des Glaubens wieder ernst zu nehmen.
Die Taufe aber ist ein grundlegender Handlungsvollzug des Glaubens.
Paulus macht das mit starken Worten deutlich: Wisst ihr nicht, dass
alle, die wir auf Christus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft?
So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie
Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters,
auch wir in einem neuen Leben wandeln. ... Sind wir aber mit Christus
gestorben, so glauben wir, dass wir mit ihm auch leben werden. (Römer
6, 3.4.8) Intensiver
lässt sich nicht schildern, dass wir in der Taufe Anteil am Geschick
Jesu erhalten, an seinem Tod, an seinem Grab, an seiner Auferweckung. So
werden wir Glieder an seinem Leib. So werden wir aus unserem Verderben
befreit und bekommen Teil an der Gerechtigkeit, die Christus uns
schenkt. Was
war mit der Taufe derjenigen Menschen, an die diese Ausstellung
erinnert? Hat unsere Kirche ernst genommen, dass sie Anteil hatten am
Tod, am Grab, an der Auferweckung Jesu Christi? Hat sie sich ihrer
angenommen und mit ihnen zusammen auch all der nicht getauften Jüdinnen
und Juden, die doch auch wehrlose Brüder und Schwestern Jesu Christi
waren. Hat das Zeichen der Taufe unsere Gemeinden dazu gebracht, sich zu
Christus als ihrem Herrn zu bekennen und deshalb seinen wehrlosen Brüdern
und Schwestern zur Seite zu stehen, den nicht getauften wie den
getauften? Wir müssen es heute aussprechen: Das war nicht der Fall. Es
waren wenige, die sich für Christen jüdischer Herkunft einsetzten. Damit
geschah zweierlei zugleich: Es unterblieb der Protest dagegen, dass Jüdinnen
und Juden rechtlos gemacht und der Vernichtung preisgegeben wurden; und
die Zugehörigkeit von getauften Mitchristen zur christlichen Gemeinde
wurde geleugnet. Dadurch wurde die Einheit des Leibes Christi selbst
geschändet. Die Preisgabe der gleichen Würde jeder menschlichen Person
verband sich mit einer Aufkündigung des geistlichen Bands, das durch
die Taufe geknüpft wird. Wie tief die geistliche Schuld jener Zeit
ging, kann man daran sehen. Die gemeinsame Teilhabe am Kreuzestod, am
Grab, an der Auferweckung Jesu Christi zählte nichts gegenüber dem
vermeintlichen Band von Rasse und Blut. Darin zeigte sich eine
abgrundtiefe Gleichgültigkeit gegenüber der Taufe. Ja, darin zeigte
sich der Glaubensverrat, die Häresie unserer Kirche in jenen Jahren. So
gründete der Pfarrer Karl Themel schon Mitte der dreißiger Jahre die
„Kirchenbuchstelle Alt-Berlin“. Unter diesem harmlos klingenden
Titel ging es um nichts anderes als darum, der „Reichsstelle für
Sippenforschung“ zuzuarbeiten und Getaufte als „Rassejuden“ zu
identifizieren. Es klingt zynischerweise beinahe betrübt, wenn Themel
1941 in einer Bilanz seiner Arbeit feststellt, dass er 255.469 Urkunden
für den „Ariernachweis“ ausgestellt habe, aber nur in 2.612 Fällen
eine jüdische Abstammung habe ermitteln können. Aber
was ist in diesen 2.612 Fällen geschehen? Auf Grund solcher
Feststellungen wurden Christen verschleppt und dadurch aus der Kirche
ausgestoßen. Unsere Kirche hat sich am Buß- und Bettag 2002 öffentlich
zu ihre besondere Schuld an diesen Mitchristen mit folgender
Formulierung bekannt: „Wir klagen uns an, dass die Leitung unserer
Kirche sie nicht geschützt und unsere Gemeinden sie nicht geborgen
haben. Wir erinnern uns zugleich an die Menschen, die damals versucht
haben, dem Rad in die Speichen zu greifen. Es waren wenige und es
geschah spät. Aber mit ihrem Widerstand setzten sie Zeichen der
Menschlichkeit inmitten des Grauens.“ Auf
diesem Hintergrund ist es in meinen Augen von großer Bedeutung, dass
sich einzelne Berliner Kirchengemeinden auf eine Spurensuche begeben
haben, um herauszufinden, welchen Weg die als Juden verfolgten
evangelischen Christen gehen mussten. Auf diesem Weg lässt sich Schuld
sicherlich nicht ungeschehen machen. Doch die in diesem Prozess
engagierten Personen haben uns auf praktische Weise gezeigt, dass unsere
Kirche in der Verantwortung steht, den einzelnen Lebenswegen
nachzugehen. Mein
Dank gilt deshalb sowohl allen, die an der Entwicklung der Ausstellung
in St. Thomas beteiligt waren, als auch dem Arbeitskreis Christen jüdischer
Herkunft im Nationalsozialismus in der Evangelischen Kirche
Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, der rechtzeitig zum 9.
November 2008 ein Buch herausgegeben hat, dass die Spurensuche der
evangelischen Gemeinden dokumentiert. Der Ausstellung wünsche ich
zahlreiche Besucherinnen und Besucher und dem Buch „Evangelisch
getauft als Juden verfolgt“ einen breiten Leserkreis. Es
ist im übrigen der großzügigen Förderung der Stiftung „Erinnerung,
Verantwortung und Zukunft“ zu verdanken, dass die Besucherinnen und
Besucher des morgigen Konzerts den „Musikalischen Religionsdialog“
gratis erleben können. Das ist zugleich ein Hinweis auf die Frage nach
aktuellen Folgerungen aus der Erinnerungsarbeit, zu der auch diese
Ausstellung ihren Beitrag leistet. Die
morgigen Veranstaltungen zum Gedenken an die Reichspogromnacht 1938 würde
ins Leere laufen, wenn wir sie nicht mit der Frage nach der praktischen
Solidarität verbänden, die wir den in unserer Zeit zu Unrecht
Verfolgten und den Opfern von Gewalt schulden. Leider sind
Antisemitismus und Rassismus auch heute nicht überwunden. Auch in
Europa prägen Ausgrenzung und Diskriminierung den Alltag vieler
Menschen. Die Sünde der Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid der
Anderen stirbt nicht aus. Allzu schnell legt sich der Schleier der
Abgrenzung über unsere Augen und versperrt die Sicht auf das Antlitz
des Nächsten. Jedem Menschen, gleich welcher Hautfarbe, Volkszugehörigkeit
oder Religion, ist das Bild Gottes eingeprägt. Keiner darf preisgegeben
werden. Davon in Wort und Tat Zeugnis abzulegen, sind wir als Christen
in besonderer Weise gefordert. Die Erinnerung an die Schreckensnacht und
ihre Folgen ist gerade auch heute, da die Zeitzeugen allmählich
verstummen, von großer Bedeutung. Mahnt sie uns doch, alles zu tun, um
eine Gesellschaft in Freiheit und gegenseitiger Achtung zu gestalten,
die sich ihrer Verantwortung vor Gott und den Menschen stellt.
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