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Predigt am 9. November 2008 in der Thomaskirchengemeinde Berlin-Kreuzberg I. Autor : Wolfgang Gerlach Ob wohl noch Menschen unter uns sind, heute und hier, die sich erinnern können an den Tag vor 65 Jahren? Es wird nicht mehr lange dauern, dann kann niemand mehr erzählen. Die 3. Generation danach ist schon geboren. Und wir, die Großeltern und Eltern, können nur erzählen, was wir verstanden haben von Schwerverstehbarem. Das bare Grauen jener Tage vor genau 70 Jahren lässt bis zur Stunde viele von uns nicht los. Denn auch unser Glaube kann nicht unberührt bleiben – bewegt von den Fragen: Was hättest du denn gemacht? Hättest du dich etwa den marodierenden Banden in den Weg gestellt? Juden in deine Wohnung aufgenommen, sie versteckt? Schon diese Frage enthüllt mich als Feigling. Und mehr noch: Wie viel kirchlicher Irrglaube war seit Jahrhunderten mitbeteiligt, hatte die Christenheit verführt? Und so hat sich
der 9. November 1938 als unauslöschliches Siegel kirchlicher Gedenktage
eingraviert. Nicht nur heute, schon damals, 1938, gab der 9. November
Anlaß zur Buße. Einige wenige – wie Pfarrer Helmut Gollwitzer in der
St. Annenkirche in Dahlem und einige wenige – haben am Buß- und
Bettag, am 16. November 1938 die Greueltaten angeprangert, die da eine
Woche zuvor unser ganzes Land überzogen hatten. Pfarrer Julius von Jan
in Oberlenningen (in Schwaben) hat seine flammende Predigt am Bußtag
bitter büßen müssen durch Hausverwüstung, Haft und Verlust der
Pfarrstelle. Sein Bischof, Theophil Wurm blieb ihm 1938 und sogar nach
dem Krieg jegliche Solidarität schuldig. So hört den für diesen Tag gewählten Text aus Jesaja 45,15-17: Fürwahr,
du bist ein verborgener Gott, du Gott Israels, der Heiland.
(*
„Ich, ich bin der Herr und außer mir ist kein Heiland“ – Jes
43,11). Aber
die Götzenmacher sollen alle in Schmach und Schande geraten und
miteinander schamrot einhergehen. Israel aber wird erlöst durch den
Herrn mit einer ewigen Erlösung und wird nicht zuschanden noch zu Spott
immer und ewiglich. Die
Götzenmacher – wie erkennt man sie? Ich weiß, rückblickend sieht
man leichter. Das waren die, die in der arischen Rasse ihr Heil suchten.
Die deutschchristlichen Götzenmacher forderten, die jüdischen Symbole
aus Kirchen zu löschen. Die Götzenmacher unter den deutschen Christen
waren es, die Jesus seiner jüdischen Herkunft berauben wollten. Gegen
solchen Götzendienst machte ein christliches Wochenblatt in Breslau
Front und veröffentlichte bereits im Oktober 1933 folgenden Text:
(Diese Pressenotiz inszeniert darstellen: Autor steht am Seiten-Mikro,
Liturg steht vor dem Altar) Autor:
„Vision. Gottesdienst.
Das Eingangslied ist verklungen. Der Pfarrer steht am Altar und beginnt: Liturg: ‚Nichtarier
werden gebeten, die Kirche zu verlassen!’ Autor: Niemand rührt sich. Liturg: ‚Nichtarier
werden gebeten, die Kirche zu verlassen!’ Autor: Wieder bleibt alles still. Liturg: Autor: Da
steigt Christus vom Kreuze des Altars herab und verläßt die Kirche.“ Autor „Reichskristallnacht“
– welch ein Name für eine infernalische Aktion! Welch eine Lüge des
Joseph Goebbels, von „antisemitischer Massenhysterie“ zu faseln. Es
war das Werk der braunen Spitze: SA-Marodeure und Schlägertrupps und
immer ganz bewusst Ortsfremde waren gedungen, im ganzen Lande Synagogen
anzustecken, jüdische Geschäfte zu plündern und Wohnungen zu verwüsten.
Juden, die kein Versteck fanden, wurden ins KZ Buchenwald
abtransportiert oder nahmen sich das Leben durch Fenstersturz oder Gift.
Die nicht jüdische Bevölkerung verharrte überwiegend verängstigt in
Erstarrung oder verschloß die äußeren und inneren Fenster vor diesem
Grauen. Wo
Grauen unbeschreiblich wird, da versagt die Sprache; und Angst flüchtet
sich in die Verhüllung. So erfand die Opposition, die das Treiben
durchschaute, einen scheinbar verharmlosenden Namen. Mit dem Wort
„Reichskristallnacht“ ahmte Berliner Erfindungsgeist die
Verlogenheit der braunen Staatsregierung nach. Dem Begriff lag
Camouflage zu Grunde: Berliner Kodderschnauze hatte für das teuflische
Werk der Braunen Horden einen Begriff ersonnen, der an das Klirren von
Gläsern und Kristall nach lustigem Polterabend erinnern sollte, um die
Wahrheit der widerwärtigen Verwüstung zu vertuschen. Es sollte
undurchsichtig bleiben, ob es sich um fröhliches Feuerwerk handelte,
oder um brutale Brandschatzung. Und es war eben beides zugleich: Für
die Täter Lust und für die Opfer Qual. „Reichskristallnacht“ –
dieser Name kam nicht von den Nazis, was bis heute mancher glauben mag
und ausweicht in das viel zu eindeutige Wort „Pogromnacht“.
Hatten
doch viele der NS-Einrichtungen die Vorsilbe „-Reichs“:
Reichsarbeitsdienst, Reichsführer SS, Reichsmusikkammer,
Reichsparteitag etc. Manchmal kann das Unbeschreibliche nur Seinem
Frohlocken über Mord und Totschlag an Juden und dem Raub ihres Hab und
Gut hat am 9. November 1938 auch Martin Sasse, Bischof von Thüringen,
Ausdruck verliehen. Er sah in den brennenden Synagogen des 9. November
ein angemessenes und willkommenes Feuerwerk, das Martin Luthers
Geburtstag am 10. November mit himmlischem Segen einläutete. Er hatte
Luthers widerliche Hetzschrift
„Von den Jüden und ihren Lügen“ (von 1543) neu aufgelegt unter dem
Titel „Martin Luther – Über die Juden: Weg mit ihnen!“ Sie sollte
alle Pfarrer und Gemeinden in der Thüringischen Landeskirche erreichen.
In dem von ihm verfassten Vorwort preist er die brennenden Synagogen als
Zeichen des „gottgesegneten Kampfes des Führers“ gegen die Juden.
Jetzt sei zugleich die Stunde Martin Luthers gekommen, der „der größte
Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die
Juden“. Und
wir heute müssen eingestehen: Martin Luther, einer der genialsten
Gestalten abendländischen Geistes, wurde verzehrt von brennender Enttäuschung
darüber, daß die Juden sich weigerten, ins Taufbecken der Christen zu
steigen. Wie ein verstoßener Liebhaber, den die Geliebte nicht erhört,
wünschte er ihr den Tod. Und so nahm der Reformator die Gasöfen von
Auschwitz unfreiwillig vorweg. Das NS-Hetzblatt „Der Stürmer“
konnte sich direkt auf Luther berufen, der 3 Jahre vor seinem Tode den
Imperativ in die Welt gedonnert hatte: Liturg „daß
man ihre Synagogen und Schulen mit Feuer anstecke ... daß
man auch ihre Häuser und desgleichen zerbreche und zerstöre ... daß
man ihnen nehme alle ihre Gebetbüchlein und Talmudisten, darin solche
Abgötterei, Fluch und Lästerung gelehrt wird ... daß
man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete, hinfort zu lehren daß
man ... lasse sie ihr Brot verdienen im Schweiße ihrer Nasen ... So
laßt uns mit ihnen abrechnen, was sie uns abgewuchert haben ... (so
seien sie) für immer zum Lande ausgetrieben. Gottes
Zorn ist so groß über sie, daß sie durch sanfte Barmherzigkeit nur ärger
und ärger, durch Schärfe aber wenig besser werden. Darum immer weg mit
ihnen!“ Orgelzwischenspiel
(musikalisch disharmonisch diesen
Luthertext umsetzend) II. Autor Das
2 ½ Jahrtausende alte
Prophetenwort will nicht verstummen: Die Götzenmacher sollen alle in
Schmach und Schande geraten und miteinander schamrot einhergehen. Von Viktor Ullmann, im Gas von Auschwitz umgebracht, hörten wir die “Arie des Todes“. Der Gärtner Tod – er sät, er jätet und er mäht. Dreifach geht er zu Werke in lang gedehntem „ä“. Der Gärtner Tod, das „ä“ im Gärtner mit enthalten, ward schon im Garten Eden mit geschaffen: Sein Saatgut nennt er Schlaf, Schlaf des Kornes, ehe es keimend zum Licht sich drängt und wurzelnd die Tiefe sucht. Schlaf des Embryos im Mutterschoß, Schlaf der Sprache, ehe sie das Lallen ins Verstehen hebt. Der Gärtner Tod – er jätet, indem er unterscheidet zwischen gutem und bösem Kraut. Er meint es gut – selbst mit dem Unkraut, das er vom Welken schier befreit. Dem wuchernd Wilden dieses Krauts gibt bis zur Reife er noch Zeit. Wo am 9. November von Unkraut-Jäten die Rede ist, da drängen sich noch andere Bilder ins Licht: Da treten aus dem Erdreich „schmerzgefurchter Spuren“ die Leiber hervor, die zum „Un-“ erklärt wurden, zum Ungeziefer. Da erscheint der Tod nicht mehr als Schlafschenkender, nicht als Befreier des Welken, nicht als fürsorglich kultivierender Gärtner. Da ist der Tod nicht der, der von Pest befreit; da ist der Tod selber die Pest. Da reißt er die Mutter vom Kind; da läßt er den Großvater die Grube für den Enkel schaufeln – und der Genickschuß ist gewiß; da wirft er ins Feuer alles, was zum „Un-“ erklärt ist. Da tanzen die toten Gebeine einen „Todestango“ und singen das Lied von der Todesfuge: „Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. (Paul Celan) Tod, du
gibst vor, die Pest nicht selbst zu sein, und bist es doch. Juden waren
im Jahrzwölft zur Pest der Welt erklärt. Und mit dem furor mortis
willst du die Welt befrei’n von dieser Pest. Du mähst und merzt es
aus, weil du die Zeit für reif erklärst. Du tränkst die Fluren mit
dem Blute der zum Leid Erwählten – auserwählt zum Tragen eines
gelben Sterns auf linker Brust (in
diesem Augenblick eine Arbeitsjacke, versehen mit dem gelben Judenstern,
über das Kanzelpult hängen). Ullmann, besternt auch er, sieht am Ende seines Liedes den Gärtner Tod als den, der erlöst von Leid, der aus der Kälte der Zeit die geängstete Kreatur ins „wohlig warme Nest“ verbringt, der Freiheit schenkt zu ewigem Schlaf. Der unbehauste Mensch ist nun zu Haus. Diesen Traum träumt auch die Christenheit. Und träumt ihn tief in dieser Jahreszeit, am Ende ihres Kirchenjahres. Sie träumt von Erlösung und Befreiung. Sie träumt von der Wärme der Gnade Gottes. Sie träumt von der Rückkehr in den Garten Eden. Zur Rückkehr erlöst werden – das ist der Traum. So kehrt der Gesang des Propheten in unser Ohr zurück (s.o. Jes 45, 17)?: „Israel aber wird erlöst durch den Herrn mit einer ewigen Erlösung ...“ Judenheit und Christenheit warten auf Erlösung. Das Volk Israel sieht am Ende der Tage auch alle Heiden gen Zion ziehen. Die Kirche meinte Jahrhunderte lang, die Juden bekehren zu müssen, damit auch sie von Christus erlöst würden. Hört dagegen die Legende, die Rabbi Chajim von Volozhyn erzählt. Ihm war wegen all seiner gerechten Taten der freie Zugang zur Ewigkeit zugesagt worden. An den Toren der Ewigkeit angekommen, habe er sich geweigert einzutreten, solange nicht seine Schüler und Lehrer aus der Talmudschule ebenfalls freien Zugang bekämen. Das wurde ihm zugestanden. Doch damit nicht zufrieden, erbat er Eingang für alle Väter und Mütter, die toragemäß gelebt haben. Denn schließlich hätten auch die Völker (aus den Heiden) die Juden aufgenommen und somit Anteil an der Tora. Doch dies wurde ihm nicht eingeräumt, weil der Zeitpunkt der Ankunft des Messias noch nicht angekündigt sei. So weigerte sich Rabbi Chajim aus Volozhyn, in die ‚kommende Welt’ einzutreten. Die Legende endet mit dem Satz: Noch immer steht er geduldig am Eingang und wartet und – bittet für die Erlösung aller Menschen. Saxophonist und Sprecher wiederholen gegebenenfalls den 2. Teil der Arie des Todes. Statt eines Fürbittengebets sprechen zwei Pfarrer ein Gebet von Leo Baeck, Jüdischer Gelehrter, der Theresienstadt überlebte (in: Umkehr und Erneuerung, hg. v. Klappert/Starck, Neukirchen 1980, S. 267. Pfarrer
Friede sei den Menschen, die bösen Willens sind, und ein Ende sei gesetzt aller Rache und allem Reden von Strafe und Züchtigung ... Aller Maßstäbe spotten die Greueltaten; sie stehen jenseits aller Grenzen menschlicher Fassungskraft, und der Blutzeugen sind gar viele ...
Liturg Darum, o Gott, wäge nicht mit der Waage der Gerechtigkeit ihre Leiden, daß du sie ihren Henkern zurechnest und von ihnen grauenvolle Rechenschaft forderst, sondern laß es anders gelten. Schreibe vielmehr den Henkern und Angebern und Verrätern und allen schlechten Menschen zugut und rechne ihnen an all den Mut und die Seelenkraft der andern, ihr Sichbescheiden, ihre hochgesinnte Würde, ihr stilles Mühen bei alledem, die Hoffnung, die sich nicht besiegt gab, und das tapfere Lächeln, das die Tränen versiegen ließ, und alle Opfer, all die heiße Liebe ... alle die durchpflügten, gequälten Herzen, die dennoch stark und immer vertrauensvoll blieben, angesichts des Todes und im Tode, ja auch die Stunden der tiefsten Schwäche ... Pfarrer Alles das, o mein Gott, soll zählen vor Dir für die Vergebung der Schuld als Lösegeld, zählen für eine Auferstehung der Gerechtigkeit – all das Gute soll zählen und nicht das Böse ... und daß wir, wenn nun alles vorbei ist, wieder als Menschen unter Menschen leben dürfen und wieder Friede werde auf dieser armen Erde über den Menschen guten Willens und daß Friede auch über die andern komme. ******************** An Stelle einer zweiten Lesung wird (vor der
Predigt) die “Arie des Todes“ vorgetragen,
aus der Oper: „Der Kaiser von Atlantis“ (von Viktor Ullmann
geb.1898 in Teschen/Tschechoslowakei, ermordet 1944 in Auschwitz) Friedemann Gräf,
Saxophon, und Wolfgang Gerlach, Sprecher, präsentieren das Stück wie
bisher vereinbart: Gräf hält sich im Wesentlichen an den Tonsatz von Ullmann. Sein Saxophonspiel wechselt Zeile für Zeile mit dem Sprecher. Beide stehen vorne vor dem Altar. Saxophon Pfarrer: Ich bin der Tod, der Gärtner Tod, und säe Schlaf in schmerzgepflügte Spuren. Saxophon Pfarrer: Ich bin der Tod, der Gärtner Tod, und jäte welkes Unkraut müder Kreaturen. Saxophon Pfarrer: Ich bin der Tod, der Gärtner Tod, und mähe reifes Korn des Leidens auf den Fluren. Saxophon Pfarrer: Bin der, der von Pest befreit, und nicht die Pest. Sprecher liest langsam die nächsten 4 Zeilen; Saxophonist untermalt musikalisch improvisierend in Form eines Cross-Over. Pfarrer. Bin, der Erlösung bringt von Leid, nicht, der euch leiden läßt. Ich bin das wohlig warme Nest, wohin das angstgehetzte Leben flieht. Ich bin das größte Freiheitsfest. Ich bin das letzte Schlummerlied. Still ist und friedevoll mein gastlich Haus! Kommt, ruhet aus!
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