Liebe Leserin, lieber Leser,

 Weihnachten liegt nun schon wieder fünf Wochen zurück. Vielleicht denkt der eine oder die andere noch daran zurück. Die Thomas-Kirche weihnachtlich geschmückt, der Tannenbaum mit vielen Lichtern, die Krippe, Musik, die Weihnachtsgeschichte, Gottesdienste mit vielen Menschen. Doch nun sind diese Tage vorbei. Der Alltag hat uns. Weihnachten wird es in elf Monaten wieder.

Passt da nicht auch das Wort dazu, das uns aus der Hebräischen Bibel, dem Alten Testament, für diesen Monat mitgegeben wird: „Die Armen werden niemals ganz aus deinem Land verschwinden. Darum mache ich dir zur Pflicht: Du sollst deinem Not leidenden und armen Bruder, der in deinem Land lebt, deine Hand öffnen.“ (Deuteronomium 15,11) 

Aber vielleicht ist Ihnen ja noch die Weihnachtsgeschichte gegenwärtig. Da geht es um dieses Paar, das zur Volkszählung aufbrechen muss, ohne das Nötigste vorbereiten zu können. Der Staat befiehlt. In einem Stall schließlich finden sie nach mühsamer Reise eine Unterkunft. Hirten sind es, arme, von Vielen verachtete Menschen, denen die Botschaft zuerst gesagt wird; vielleicht auch, weil ihr Herz und ihr Leben offen ist auch für göttliche Neuigkeiten. Und schließlich müssen Maria, Joseph und das Kind nach Ägypten fliehen, um der tödlichen Bedrohung durch den König Herodes zu entkommen.

So hat auch die Weihnachtsgeschichte eine Richtung, auch ihr Licht leuchtet auf Menschen, die sonst im Dunkeln sind, die nicht leuchten, die keine Macht haben und keine Choräle singen.

Zu ihnen hat sich Gott gesellt.

Das schließt andere nicht aus: die Weisen aus dem Morgenland, auch sie gehören zur Weihnachtsgeschichte. Sie spüren, dass sie aus dem bisherigen Leben heraus müssen, Neues suchen, schließlich den Stern entdecken und ihm folgen. Geschenke bringen sie mit. Sie finden den Stall, das Kind, beten es in seiner Armut an, erkennen, dass hier Gott selbst in seiner Armut liegt. 

Die Heilige Schrift, Altes wie Neues Testament, haben eine eindeutige Ausrichtung: ihr, die ihr Geld habt, ihr, die ihr euch auf das Wort Gottes beruft, kümmert euch um die Armen. Wenn ihr dies nicht tut, werdet ihr Gott nicht finden.

 Dabei geht gerade der Monatsspruch sehr nüchtern mit Armut um, wenn er sagt: die Armen werden niemals ganz aus deinem Land verschwinden.

Nüchtern wird dies festgestellt. Wie viel Leid wäre Menschen erspart worden, hätte man nicht immer wieder im Namen Gottes oder im Namen einer anderen Ideologie das Reich Gottes auf Erden, die klassenlose Gesellschaft mit Gewalt errichten wollen. 

Armut ist nicht Gott gewollt. Doch zunächst geht es um die Menschen, die in einer konkreten Gesellschaft arm sind. Ihnen dürfen und sollen die, die mehr haben, die Hände öffnen. Nicht um ein großes barmherziges Werk zu vollbringen, sondern weil es unsere eigene Würde beschädigt, wenn wir die Augen vor der Not des anderen verschließen.

Gott ist in Jesus Mensch geworden, wahrer Mensch – so heißt es im Glaubensbekenntnis. Um die Menschwerdung, um unser Menschwerden, menschlicher werden, geht es in unserem Wort für den Monat Februar – und natürlich auch um das Leben derer, die wenig oder nichts haben.

Lassen wir uns einladen, diesen Weg zu gehen. Gehen wir mit der Weihnachtsgeschichte im Herzen, barmherzig, menschlich miteinander um.

Wir haben es nötig – in der Gesellschaft, aber auch in unserer Kirche und in unseren Gemeinden.

Seien Sie herzlich gegrüßt,

Ihr Christian. Müller, Pfarrer

 

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