Gespräch am Mariannenplatz vor der Thomas Kirche

über den Maler Manfred Beelke

 

1. Gespräch mit sich selbst

Es ist euch bestimmt schon mal passiert: Ihr wacht aus einem Traum auf, der so stark eure Seele und euren Körper beeindruckt hat, daß ihr mittendrin wach werdet, und beim Wachsein wißt ihr nicht mehr, ob die erfahrene Realität des Traumes realistischer ist als die reale Realität, das heißt, ob der Raum, den ihr seht und der euch umgibt, ein unausbleibliches Aussterben oder eine Wiedergeburt der Bewegung des Lebens ist. Dabei entsteht ein Gespräch mit euch selbst, stillschweigend und belebend. Ein Gespräch, zwischen euch selbst und einen hervorgerufenen "du". Raum und Zeit erleben damit ihre Großzügigkeit außerhalb der alltäglichen moderigen Grenzen.
So etwas ist mir passiert, nicht im Traum der geheimnisvollen Nacht, sondern im Wachsein, beim strahlenden Licht des Tages unter freiem Himmel am Mariannenplatz. Es war Anfang August 2009. 
Es waren junge Schulfreunde unserer Töchter gewesen, die bei einem Wiedersehen in
Deutschland, unbedingt mit uns nach Berlin fahren wollten, um den Ort zu sehen und zu erleben, wo Manfred Beelke seine große künstlerische und humane Tätigkeit ausgebreitet hatte.
Die jungen Menschen waren aus dem Land Brandenburg, wo wir, Manfred Beelke mit Familie beim Mauerfall, gelandet waren, um eine Unterkunft in der Zerstörung und eine neue mögliche Fortsetzung der Arbeit und des Lebens zu finden. Der Ort ,wo unsere jungen Töchter die Schule abschliessen konnten.

Zeitungsartikel aus der Morgenpost, vom 23.9.1990

Nach sovielen Jahren, in der Trennung zwischen Gegenwart und Vergangenheit des Lebens, kam ich also wieder zum Mariannenplatz.Der Maler Manfred Beelke hatte am Anfang des Jahres 1972 zwei Etagen in einem alten Fabrikgebäude gemietet: Im ersten Stock Arbeitsräume für sich und seine Mitarbeiter; 
im fünften Stock Wohnungsräume für seine Familie: im Hinterhof von Mariannenplatz 23.
Wir wohnten früher in der Görlitzer Str.74. Die Wohnung war schön, auch wenn ziemlich heruntergekommen, aber wir lebten und arbeiteten drin mit Eifer. Die Ansprüche der Arbeit wurden immer größer, sowie auch seine Bilder. Manfred Beelke, der talentierte Maler aus
Kreuzberg, war fest überzeugt, daß die Kunst eine positive Kraft für das geschrumpfte Bewußtsein der Menschen besitzt. Das Bewußtsein der Menschen war in seinem Plan des Kampfes gegen den bedrohlichen allmählichen Abbau aller jener errungenen Eigenschaften, die ihr Menschentum ausmachten. 
Wenn der Mensch sich auszudrücken lernt und wenn er wirklich "tätig" wird - egal in welcher Form - dann kann er seine vorgetäuschte Selbstzufriedenheit ablegen und die Welt anfangen zu "sehen" und damit zugunsten aller Menschen etwas verändern.

 

Seit langer Zeit haben viele Denker dies gesehen, viele Bücher oder nur mahnende Artikel geschrieben (die Menge ist unzählig). Alles wurde publiziert. Ob dies, im Rennen des Lebens, gelesen wurde, weiß man nicht. Das Seltsame ist, daß keine Autoren von politisch roten (kommunistischen) Auffassungen waren, sondern Biologen, Physiker, Schriftsteller, die sich von der Politik fern hielten. Diese “Täter” waren Gelehrte aus verschiedenen Rahmen einer anerkannten Wissenschaft eines bestätigten Systems.
Manfred Beelke aber hatte sich eine Art des Kampfes ausgesucht, die sein Eigenes war und dazu das Mittel benutzte, das ein "Heiliger Schein der Unberührtheit“ hatte: die Kunst!
Mit der Kunst wollte er die Menschen von ihrer öden Einsamkeit, ihren Krankheiten, ihrer Hilflosigkeit, ihren trüben Verwirrungen, usw."befreien”.In seiner Werkstatt waren berufstätige Menschen aus allen Schichten. Sie arbeiteten abends von 19:30 Uhr bis 23:00Uhr in den Räumen der Fabrik; um ihre kreative Kraft auszuüben, um sich selbst und ihre Welt, in der sie lebten, ohne Hemmungen zu erkennen: Malerei, Theater, Musik,Photographie, Keramik usw. Das war Manfred Beelkes Traum einer Werkstatt (WMB). In diesem Sinne leitete er auch eine Malgruppe für die "Straßenkinder“ vom Mariannenplatz und Umgebung, (oft in Zusammenarbeit mit Kinderläden und Schulen). Er ließ sie auf großen Holztafeln mit riesigen Papierbögen mit Pinseln und Farben malen, nachmittags,einmal in der Woche.

2. Gespräch mit dem Ort Mariannenplatz

Wir stiegen an der Station des U-Bhf Kottbusser Tor aus und gingen durch die Skalitzer Straße zu der Einmündung auf die Sicht des Mariannenplatzes. Ich war da, woher ich gekommen bin. In den Schranken der irdischen Existenz, Mariannenplatz war und bleibt mein Zuhause.
Für die Großstädter war der Mariannenplatz immer ein Sonntag. Die große Grünfläche in
einer Architektur der Häuser (am rechten Flügel die Wohnhäuser, am linken Flügel das "Denkmal" Bethanien) war immer bevölkert von spielenden Kindern und Menschen: Die Kinder tobten sich aus, die Erwachsenen saßen meistens auf den Parkbänken und schauten zu, träumten oder sprachen mit jemandem. Es war die Fortsetzung einer Idee des Lebens, die damals nirgendwo in der Großstadt Berlin (Westberlin) zu finden war. Es ist dort, wo ich gelebt habe mit Manfred Beelke und seiner Unruhe. Manfred Beelke ist im Jahr 2009, am 5.März gestorben, in Italien, wo er als letzte Zuflucht ausgewandert war. Und ich war, vielleicht nicht zufällig, am Mariannenplatz, an dem Ort, wo er seine ganze Kraft ausübte. Aus den zwei Etagen im Fabrikgebäude wurden fünf, unter ihnen auch eine Galerie-Etage, und dann dazu noch einen Laden, direkt auf der Straße (heute ein hübsches türkisches Café.)

 


Kinder-Malgruppe, 1984

Manfred Beelkes Kunsthalle Kreuzberg Laden

Ich hatte die jungen Menschen gewarnt: Ihr werdet nichts von Manfred Beelke finden.Seine Kraft ist in seinen Bildern und seinen Essays. Manfred Beelke wohnt nicht mehr am Mariannenplatz. Die Zeiten haben sich geändert, und heute will keiner mehr von ihm wissen, und vielleicht sind die Meisten darüber froh. Bilder und Sprache sind Grotten und Gewächse, Wolken und Wogen. Die jungen Menschen wollten trotzdem sich dort hinbewegen. Im Hinterhof von Mariannenplatz 23 waren wir und schauten uns um, wir fanden aber nichts von Manfred Beelke, wie wir ihn kannten. Ich war gleichgültig in meinem Schmerzen. Die Vergangenheit konnte nicht einmal murmeln. Das Äußere machte uns unverwechselbar zurückgezogen zu unserem Eigenen. 

Die Etagen der revolutionären Tätigkeit waren glänzende Wände, Fenster und Türen der sauberen technokratischen und wirtschaftlichen Tüchtigkeit geworden. Alles wurde schön ausgeputzt. Wir gingen ziemlich verblödet heraus.
Auf der irdischen Welt der Menschen gibt es Wurzeln, die unfruchtbar erscheinen, die aber plötzlich wieder wachsen.

3. Gespräch mit der Thomas Kirche

Mariannenplatz erschien mir das grasige grüne Meer, wie damals. Die Natur war schön und anziehend: Die gleichen Bäume und Hecken, die mit der Luft des Himmels Schatten und Licht spielten. Es fehlte aber ein Lächeln, nämlich die Menschen; groß und klein. Wo waren die Menschen? Das Bethanienhaus stand da, wie immer mit seinen Minaretten, ohne Gebetsstunden. Alle Menschen waren drinnen eingeschlossen. Das Ende (räumlich gesehen) des Mariannenplatzes ist immer die St.Thomas Kirche gewesen. Damals war die Kirche immer ständig geschlossen, ich weiß nicht, ob dies aus Trauer oder Resignation geschah,oder ob aus technischen Gründen. In den Riten der Religion bin ich nicht sehr gewandt. Auf jeden Fall spielten die Kinder damals sehr oft Blinde Kuh um das rote Gebäude. Dieses Mal aber war das Tor aufgerissen, auf einer Stufe saß ein Mensch, und aus dem schattigen Innenraum kamen fröhliche Stimmen heraus, sogar Musik und Gesang. Ich bin als Kind katholisch erzogen worden, in Italien, und mit siebzehn Jahren erzog ich mich selbst (mehr oder weniger schlecht) als "freier Denker". Seit dem habe ich immer vermieden in den Innenräumen einer Kirche (katholisch, natürlich) einzutreten. Kontakte mit der protestantischen Religion habe ich nie gehabt, da ich auch kein Bedürfnis spürte.
Ich stand vor dem Tor, zögernd aber aus Neugier hingezogen, als die Stimme des sitzenden Mannes sagte: «Gehen Sie ruhig herein!» 

Es war herrlich! Photos, Ausstellungen des Leidens der Menschen, gemalte Bilder, Musik und singende Stimmen, die vielleicht ihren Gott begrüssten, aber alles war ein Gespräch eines "ich" mit einem "du". Im Gotteshaus herrschte der Mensch!
 
„Mein Trauer ist keine Resignation, meine Trauer ist Zorn!“ (aus: Die Tagebücher von Manfred Beelke, 5. März  1963)
Manfred Beelke: "Ende der Milchstraße", 1985

Januar 2010 Marina Beelke

zurück