Frieden schaffen durch Dialog und Musik – Das „Barış Evi“ in Antakya / Türkei

Von Christian Schröter

Es ist Mittag, die Sonne steht hoch über den Gassen der Altstadt, aus einem Haus dringen wunderschöne mehrstimmige Melodien auf die Straße und machen neugierig. Tritt man durch die offene Tür einer unscheinbaren Hauswand in den Innenhof, wird man zugleich Teil einer bunten Gemeinschaft, die sich zum Brot-Brechen um einen alten Zitrusbaum versammelt hat. Nach der musikalischen Andacht im kleinen Bet-Saal wird hier unter freiem Himmel das Brot gesegnet und miteinander geteilt. Auf die seelische Stärkung folgt nun die körperliche – Schwester Barbara lädt jede und jeden zum gemeinsamen Mittagessen ein. Ganz in der Tradition des Abraham-Mahles [1.Mose 18,1-8] bewirtet sie mit den Künsten ihrer Köchin Melek die vorbeikommenden Gäste, Freunde und neugierige Touristen und lädt dabei zum gegenseitigen Austausch ein.

Nur noch wenige Gebäude, wie diese Felskirche St. Peter, künden von der einstigen Bedeutung, die die antike Stadt Antiochia für das Christentum einst hatte.

Das Altstadthaus mit seinem schönen Innenhof befindet sich in Antakya, eine Stadt im Süden Anatoliens, in dem breiten Tal des Asi-Flusses, welcher hier kurz vor der syrischen Grenze ins nur 30 km entfernte Mittelmeer fließt. Einst hieß diese Stadt Antiochia und war nach Rom, Konstantinopel und Alexandria die viertgrößte Metropole des Römischen Reiches. Hier wurden der Apostelgeschichte zufolge die Jünger Jesu erstmals „Christen“ genannt, wurden die ersten Nicht-Juden missioniert [Apg.11,19-26] und predigten die Apostel Petrus und Paulus zu der jungen Gemeinde [u.a. Apg. 14,19-22 & 18,22-23]. Der in einer Felsengrotte befindlichen Kirche des Heiligen Petrus verlieh der Vatikan den Titel „Erste Kathedrale der Christenheit“ und noch immer steht der Name der Stadt für zahlreiche Kirchen als Bischofssitz, wenn auch nur nominell, als sogenannte Titularbischöfe.

Das heutige Antakya zählt als Hauptstadt der südtürkischen Provinz Hatay ca. 400.000 Einwohner. Diese sprechen neben Türkisch auch noch Arabisch als Muttersprache und gehören zu mehr als 80 % dem Islam an, wobei die eine Hälfte davon sunnitische Muslime sind, die andere Hälfte als Alewiten zum schiitischen Islam zählen. Die kleine christliche Minderheit mit ca. 2.000 Gläubigen verteilt sich hauptsächlich auf die griechisch-orthodoxe Kirche, sowie zu einem kleinen Teil auf die römisch-katholische Gemeinde und diverse protestantischen Gruppen. Darüber hinaus existiert auch noch eine gut 35 Mitglieder zählende jüdische Gemeinde.

Dementsprechend zeigen sich die jeweiligen Gotteshäuser in den Straßen der Stadt. Das Bild des ehemaligen Antiochia wird heute hauptsächlich von den zahlreichen Moscheen geprägt. Davon stehen allein sieben alte Bauten im Stadtzentrum, welche nicht selten auf christliche oder jüdische Vorgängerbauten zurückgehen. Daneben finden sich in den Gassen der Altstadt immer wieder kleine islamische Heiligengräber, die vor allem von den Alewiten besucht werden, welche hier traditionell keine eigentlichen Gotteshäuser haben. Im Zentrum der Stadt erhebt sich an einem großen Hof die griechisch-orthodoxe Kirche, heute ein jüngerer Bau russischer Glaubensgenossen. Die Gemeinde betet hier in arabischer Sprache nach byzantinischem Ritus. In der Nähe haben Methodisten ein altes Kolonialgebäude bezogen und bezeugen ihren Glauben mit einem nächtlich leuchtenden Kreuz auf dem Dach. Diverse andere evangelische Freikirchen findet man bei genauerem Lesen einzelner Haustür-Schilder. Meist sammeln sich diese Gläubigen in den Privatwohnungen ihres Gemeindevorstandes. Etwas versteckt im Straßennetz weist ein Pfeil zur römisch-katholischen Kirche, welche in einem restaurierten traditionellen Altstadthaus untergebracht ist. Unweit davon erkennt man am Davidstern den Eingang zur kleinen Synagoge Antakyas. In diesem Viertel, zwischen katholischer Kirche, Synagoge und einer kleinen Moschee führt eine stets offene Tür zu Schwester Barbaras „Barış Evi“ (sprich: Barisch Evi), der türkische Begriff für „Haus des Friedens“.

Schwester Barbara Kallasch aus dem Rheinland lebt und arbeitet seit 35 Jahren in Antakya.

Als vor gut 35 Jahren die junge, aus dem Rheinland stammende Barbara Kallasch nach Antakya kam, lag die alte katholische Kirche in Trümmern, war von einem Haus der Begegnung und des Friedens zwischen den Religionen, wie es das „Barış Evi“ heute ist, noch nichts zu sehen. Doch diese junge Frau, vom Geist der ökumenischen Brüderlichkeit von Taizé inspiriert, erkannte hier die Notwendigkeit einer Friedensarbeit. Es sollte zu ihrer Lebensaufgabe werden. Als konsekrierte Laiin des Franziskanerordens baute sie die katholische Kirche neu auf. Nachdem darauf der Kapuzinerpater Domenico zur Leitung der Kirche bestellt wurde, gründete Schwester Barbara ihr eigenes Projekt – das „Barış Evi“ – und regte zu vielen weiteren Projekten an, wie z. B. dem berühmten „Milliyetler-Chor“ der Provinz Hatay, in welchem Angehörige der verschiedenen Bevölkerungs- und Religionsgruppen gemeinsam ihre jeweiligen traditionellen Lieder singen.

Was verbirgt sich nun eigentlich hinter dem Begriff „Barış Evi“? Im Rahmen eines mehrmonatigen Praktikums war es möglich, einen genauen Einblick in die konkrete Arbeit zu erhalten. Leitgedanke ist der notwendige Dialog zwischen den Religionen an einem Ort, an dem die drei großen monotheistischen Weltreligionen – Judentum, Christentum und Islam – zuhause sind. Um miteinander in Dialog treten zu können, ist neben gegenseitigem Respekt hauptsächlich das Wissen über den jeweiligen Dialogpartner notwendig. Musik spielt dabei eine zentrale, verbindende Rolle, schafft sie doch unabhängig von Sprachen eine emotionale Brücke und ist ein wichtiges Element in den meisten Religionen. Auf dieser Grundlage finden im „Barış Evi“ morgens, mittags und abends kurze Andachten statt, in welchen aus Texten der verschiedenen religiösen Traditionen vor allem zum Thema Frieden und Nächstenliebe gelesen wird. Die Dichtung des türkisch-persischen Sufi-Meisters Mewlana Djelaleddin Rumi wird hierbei besonders gern benutzt. Umrahmt werden die Lesungen von Gesängen, hauptsächlich von mehrstimmigem Liedgut aus Taizé, sowie einem fünfminütigen Schweigen für den Weltfrieden.

Zusätzlich zum bereits erwähnten gemeinsamen Brotbrechen und den Mahlzeiten am Mittag finden allabendlich weitere Programme für Gäste und Interessenten statt, die sich entweder mit Gesangsübungen, dem Recherchieren und Proben von traditionellen religiösen Liedern, mit Weisheitsgeschichten der jeweiligen Religionen und Kulturen sowie dem generellen Austausch im Rahmen des Dialoges beschäftigen. Neben diesem täglichen Ablauf veranstaltet Schwester Barbara immer wieder verschiedene Workshops für Jugendgruppen aus dem In- und Ausland. Auch aus Deutschland finden christliche Jugendgruppen ihren Weg zu diesem Ort in Antakya und beleben den Austausch und den Dialog mit den Menschen in der Türkei. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der schulischen und musikalischen Förderung der Jugend aus der näheren Umgebung. Drei weitere, zum „Barış Evi“ gehörende Altstadthäuser bieten hierbei eine günstige Übernachtungsmöglichkeit für die Schülerinnen und Schüler. Die Zimmer werden außerdem an durchreisende Pilger und Touristen als Herberge vermietet, wodurch das Projekt seine hauptsächliche finanzielle Unterstützung erfährt. Durch ihre Nutzung und Instandhaltung leistet das Projekt zusätzlich seinen wichtigen Beitrag zum Erhalt der historischen Bausubstanz der Altstadt.


Bet-Saal von „Barış Evi“ mit der Friedenswand.

Seitdem die Stadt Antakya über einen eigenen Flughafen verfügt, kommen auch immer mehr internationale Touristen in die Stadt, auf der Suche nach dem friedlichen Zusammenleben der Menschen aus den drei Religionen. Das Projekt „Barış Evi“ bietet dafür eine perfekte Anlaufstelle, denn neben seiner wunderbaren Lage inmitten der historischen Altstadt und zwischen den verschiedenen Gotteshäusern kann man hier auf die spannendsten Menschen treffen und mit ihnen ins Gespräch kommen. Mit Beginn der Unruhen im Nachbarland Syrien ist der Besucherstrom jedoch momentan zurückgegangen. Gerade aber in solchen Krisen ist der Dialog zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen besonders wichtig.


Ein friedvolles Kommunizieren und gegenseitiges Respektieren ist jedoch nicht nur zwischen den Menschen verschiedener Religionen und Kulturen von Bedeutung. Auch innerhalb ein und derselben Gruppe ist es immer wieder wichtig, auf einander zuzugehen. Ein kleines Beispiel aus dem Alltag des „Barış Evi“ soll dies hier kurz verdeutlichen. Jedes Jahr am 29. Juni begeht die Stadt Antakya das Fest von Sankt Peter & Paul. Im Rahmen der Feierlichkeiten organisiert Schwester Barbara in der Felskirche von St. Peter eine konzertante Friedensandacht, bei welcher ein großer polyphoner Chor nach mehrtägigem Workshop verschiedenste religiöse Gesänge präsentiert. In der Vorbereitung des Festes im Juni 2011 mussten Notenbücher erstellt, Liedtexte zusammenkopiert und zuletzt Stühle für die Zuschauer herbei geschafft werden. Die Anfrage beim Pater der katholischen Kirche, seine 120 Plastikstühle entleihen zu können, wurde mit einem Schulterzucken und dem Kommentar, sie könnten ja kaputt gehen, verwehrt. Hilfe fand sich dann in direkter Nachbarschaft des „Barış Evi“ – bei den Veteranen der türkischen Armee. Die mehrheitlich muslimischen alten Herren beeilten sich, alle verfügbaren Stühle für das Fest bereitzustellen und schienen somit dem Friedensgedanken näher zu stehen als die Mitarbeiter der eigenen Kirche. Als wenig später in einem allgemeinen Zeitungsartikel über das Fest der Namen des katholischen Paters leicht verändert erwähnt wurde, mussten nicht Wenige schmunzeln. Anstelle von „Domenico“ stand dort „Demonico“ geschrieben.


Konzertante Friedensandacht in der Felskirche St. Peter.

Es ist längst Abend geworden in Antakya. Im „Barış Evi“ sitzt Schwester Barbara noch mit einigen Gästen aus Istanbul und erklärt ihnen freudig, dass die Stadtväter längst das Potential des Miteinanders der drei großen monotheistischen Religionen erkannt haben. Für ihre touristische Vermarktung und das Image der türkischen Provinz Hatay wurde ein Logo geschaffen, das den Provinznamen geschickt mit den drei religiösen Symbolen verbindet: der Davidstern bildet das A, das Kreuz wird zum T und der Halbmond krönt das Y.

Am darauf folgenden Morgen wird die Tür des Friedenshauses wieder offen stehen für neue Begegnungen, für die neugierigen Nasen der Besucher und gefüllt mit dem Klang wunderschöner Lieder.

Christian Schröter studierte Geographie an der Humboldt-Universität und Islamwissenschaft und Iranistik an der Freien Universität zu Berlin. Er engagiert sich seit Jahren im Kulturaustausch zwischen dem christlich geprägtem Europa und der islamischen Welt. Im Moment lernt er im syrischen Kloster Deir Mar Musa den dortigen Dialog zwischen Christen und Muslimen kennen.

 
 
 
 
 
 
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