Ein großes Unbehagen


Ich mag die Adventszeit. Ich genieße die Lichter, die Idee des Lichtes, in mitten der dunklen Dezemberzeit. Ich freue mich auf die Ankunft, lateinisch adventare, dessen, den Gott gesandt hat. Kostbar sind für mich die Momente, in denen ich Jesus als die Verheißung, als das Licht der Welt, trotz aller Widrigkeiten, trotz der Vorweihnachtshektik in mir und um mich, spüren kann. Das gibt mir Kraft. Mehr als sonst sind mir die Gottesdienste in dieser Zeit wichtig, die Gemeinschaft, das Singen der alten Lieder, das gemeinsame Gemurmel des „Vater unser“, das in die mächtige Kuppel der St Thomas Kirche aufsteigt und vielleicht, ja vielleicht, auch in den Himmel…

Und ich mag, dass zu dieser Jahreszeit die Kirchen voller sind als sonst, speziell die St Thomas Kirche. Ich mag die dichte Atmosphäre. Ich weiß, dass gerade um Weihnachten herum auch Menschen in die Kirche kommen, die sich nicht als Christ bezeichnen, die nicht glauben können oder wollen, die Fragen haben oder auch keine mehr. Sie alle kommen und das ist gut und es ist nicht an mir, dies zu bewerten oder gar zu überprüfen. Gottes Geist weht wo er will, das glaube ich.

Gottesdienst, vierter Advent, St Thomas. Neben mir sitzt eine ältere Dame, die ich nun schon so viele Jahre aus unserer Gemeinde kenne. Gemeinsam schmettern wir eines meiner Lieblingslieder: „Tochter Zion, freue dich!“ Und wie ich mich freue! In wenigen Tagen ist Weihnachten und in noch weniger Tagen habe ich Urlaub und fahre endlich zu meinem Mann nach Bayern. - Direkt nach dem Segen werden wir, die Gemeinde, gebeten zu bleiben, um dem neuen Chor „Volksstimme“, der seit wenigen Monaten in St Thomas probt, zu lauschen. Neugierig setze ich mich wieder hin.

Der Chor sitzt verteilt in der Gemeinde – wow, origineller Aufschlag, denke ich noch – als er mit folgenden Worten beginnt: „Wach auf du verrotteter Christ!“ Wie bitte? Nun stehen die Sänger und Sängerinnen auf und wiederholen: „Wach auf du verrotteter Christ!“ Ich traue meinen Ohren kaum, habe aber keinen Zweifel mehr, die Worte verstanden zu haben. Sie gehen langsam nach vorne, ziehen vor den Altar. Wer sind die? Außer einem Mann meine ich noch nie eines der Mitglieder des neuen Chores in unserer Kirche gesehen zu haben. Wieso dieser Apell? Und an wen? An mich? Warum? Warum so abwertend? Gäste der St Thomas Gemeinde beschimpfen ihre Gastgeber? Welcher Sinn soll dahinter stecken? Oder sind das selber Christen? Sprechen sie am Ende also (auch) über sich? Jetzt zum dritten Mal: „Wach auf du verrotteter Christ!“ Es folgen weitere Liedverse, die ich akustisch nicht verstehe, irgendwas mit Schurke, Schuft und Herrgott.

Ein großes Unbehagen ergreift mich. Ich begreife diese Christenbeschimpfung nicht. in unserer Kirche, am vierten Advent, im Gottesdienst. Ich überlege, ob ich gleich gehen soll, entscheide mich dann aber die Chorleiterin zu fragen. Irgendwas muss sich ja irgendwer dabei gedacht haben. Ich erfahre, dass es ein Lied aus der Dreigroschenoper ist, also Kunst. Aha.

Hier ist das ganze Lied, es war nicht schwer zu googeln. Bert Brecht hat es als „Wecklied“ 1928 geschrieben:

Wach auf, du verrotteter Christ!

Mach dich an dein sündiges Leben,

Zeig, was für ein Schurke du bist,

Der Herr wird es dir dann schon geben.

Verkauf deinen Bruder, du Schuft!

Verschacher dein Eh’weib, du Wicht!

Der Herrgott, für dich ist er Luft?

Er zeigt dir’s beim Jüngsten Gericht!

Die Chorleiterin versteht das Problem nicht. Ich verstehe nicht, dass sie nicht versteht, dass das ein Problem ist. Ich frage sie, ob sie selbst Christin ist, dann müsse sie doch verstehen, dass das verletzt. Sie sagt nein. Ich sage, dass sei dann ja wohl der Tatbestand der Diskriminierung, wenn eine Gruppe über eine andere Gruppe urteilt und zwar abwertend. Sie sagt, damit sei doch der Mensch gemeint. Ich frage, warum habt ihrs dann nicht gesungen? Warum habt ihr nicht über den verrotteten Menschen an sich gesungen, dann wärest du mitgemeint gewesen. So aber stellt ihr euch außerhalb und sagt was über den anderen. Ihr stellt euch über uns und bezeichnet die Christen als verrottet. Warum?

Eine zweite Frau aus dem Chor gesellt sich dazu und erklärt mir was zum Thema kritische Kunst. Ich versuche den Unterschied zwischen Kritik und Diskriminierung zu erläutern. Es gelingt mir nicht. Ich fühle mich genötigt zu versichern, dass ich eine weltoffene und tolerante Christin bin. Ich werde sehr, sehr aufgeregt. Irgendwas ist hier schräg. Ich fühle mich verletzt und will mir mein Gefühl der Verletztheit nicht abhandeln lassen. Die Konflikt- und Diskussionsbereitschaft der Chorleiterin nimmt ein abruptes Ende. Sie lässt mich stehen und begrüßt jemand anderen. Ich verlasse die Kirche. Der Kunstmarkt interessiert mich nicht mehr.


Als Brecht das Lied 1928 dichtete, bewegte er sich in einer fast geschlossen christlichen Gesellschaft. Weniger als fünf Prozent der Deutschen waren jüdischen Glaubens und ein paar wenige rechneten sich dem Atheismus zu, so wie Brecht selbst. Das Verhältnis zwischen Kirche und Staat war keine 10 Jahre zuvor, nämlich 1919 durch die erste demokratische (Weimarer) Reichsverfassung, neu geregelt worden. Damit war endlich die Festsetzung des Rechtsmonopols des säkularen Staates im modernen Sinne vollzogen. Doch auch wenn die Kirche ihre rechtliche Vormachtstellung damit eingebüßt hatte, gesellschaftlich war sie immer noch in einer für uns heute unvorstellbaren Weise dominant. Zu dieser Zeit wurden Kirchenvertreter nicht lediglich zu Ethikkommissionen gebeten, um Akzeptanz für neue Fertilisierungstechniken zu schaffen – sie saßen direkt an den Schaltstellen der Macht. Macht kann korrumpieren – und davor sind auch Christen nicht gefeit. Das war der historische Zusammenhang, in dem Brecht, als Angehöriger einer Minderheit, den Christen als Angehörigen einer mächtigen Mehrheit in seiner typischen, drastischen Ausdrucksweise entgegen schleuderte: Schau Dir dein sündiges Leben an! Du bist auch nur ein Schurke wie alle anderen! Deine Ethik ist verrottet! Hier spricht ein Mahner zu einer bräsigen Gesellschaft, die sich selbst genug ist, hier spricht ein Unbequemer zu den Menschen und ihrer Verlogenheit. Hier sagt Brecht etwas über eine Kirche, die im Schulterschluss mit den Regierenden Kanonen gesegnet hatte – und die das in wenigen Jahren wieder tun würde.

Heute leben wir in einer ganz anderen Situation. Heute ist Europa ein Ort mit religiösen Inseln im ansonsten säkularen Meer: christliche Restbestände, jüdische und muslimische Diaspora-Gemeinden, europäisierte buddhistische Gemeinschaften… Nirgendwo lässt sich das besser erfahren als in Kreuzberg, wo ca. 15 Prozent der Bevölkerung einer christlichen Kirche angehören, Minderheit eben.

Noch vor 35 Jahren, als ich konfirmiert wurde, war es das Normalste von der Welt, dass alle Jugendlichen entweder konfirmiert (evangelisch) oder gefirmt (katholisch) wurden. In unserer Klasse gab es ein einziges Mädchen, das konfessionslos war. Sie tat uns leid, denn sie verpasste die Gelegenheit, der Mittelpunkt eines aufregenden Festes zu sein und außerdem einen Haufen Geschenke. Heute ist es in Kreuzberg genau umgekehrt. Fragt man jemanden aus den immer kleiner werdenden Konfirmandengruppen, dann bekommt man nicht selten zu hören, dass er oder sie die Einzige in der Klasse ist, die sich konfirmieren lässt. Was für eine grundlegende gesellschaftliche Wandlung in so kurzer Zeit! Und damit passt sie auch schon wieder in unserer Zeit, eine Zeit, die vor allem eines charakterisiert: Geschwindigkeit und beschleunigte Veränderungen.

Wer sich heute zu Jesus Christus bekennt, tut dies aus freien Stücken. Kein wesentlicher gesellschaftlicher Vorteil ist damit mehr verbunden, keine politische Macht. Oder anders ausgedrückt: wer früher Macht haben wollte, wurde am besten Bischof, wer heute Macht haben will, geht am besten an die Börse. Was die Kirche betrifft – nicht die Börse! – kann ich nur sagen: Und das ist auch gut so, um es einmal mit den Worten eines bekannten Berliners auszudrücken. Oder auch: Das macht die Kirchen schöner als sie es jahrhundertelang waren, wie es einmal Fulbert Steffensky ausdrückte, ein nicht weniger bekannter Saarländer.

Das macht aber auch die Lage der Kirchengemeinden nicht selten prekär. Materiell, wenn es darum geht, Personal zu finanzieren, die Kirchengebäude zu erhalten und ideell, wenn man sich immer öfter einer Mauer von Ignoranz und Arroganz gegenübersieht. Ignoranz, wenn zum Bespiel vom Senat in Auftrag gegebene Hinweisschilder auf Sehenswürdigkeiten der Stadt Kirchengebäude außen vor lassen, Arroganz, wenn Nicht-Christen mir, einer Christin, erklären, wie die Christen so sind oder besser sein sollten. Das passiert mir nicht gerade selten und es verletzt.

Diskriminierung kommt aus dem Lateinischen und heißt „abscheiden“ oder „unterscheiden“. Heute bezeichnet Diskriminierung vor allem „eine gruppenspezifische Benachteiligung oder Herabwürdigung von Gruppen oder Individuen“, wie sich in Wikipedia nachlesen lässt.

Dabei geht es nicht darum, Kritik zuzulassen, an der Kirche, am Christentum, an ihren Positionen und Haltungen – gestern und heute. Im Gesangbuch findet man ein Wecklied, das die Situation „der Christenheit“ ungeschminkt darstellt, das von der Sonne der Gerechtigkeit singt, die bitte endlich aufgehen möge, und darauf drängt, dass die Christen ihre Maßstäbe auch leben: „Weck die tote Christenheit, aus dem Schlaf der Sicherheit!“

Und Jesus selbst ist es, der das religiöse Establishment seiner Zeit, die Schriftgelehrten und Pharisäer, nicht gerade zimperlich anfährt: „Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler …. Ihr Schlangen und Otterngezücht! wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen?“(Matthäus 23, 33).

Kritik ist nicht das Problem. Aber wenn die Rahmung nicht stimmt, wenn etwas aus dem geschichtlichen Zusammenhang gerissen mir vor die Füße gekippt wird, wenn Kritik schlicht zur Bewertung und Abwertung des andern gerät, dann ist sie letztlich nur ein Manöver, sich selbst dabei elegant aus der Schusslinie zu bringen. Und dann erzeugt sie bei mir vor allem eins: ein ganz großes Unbehagen.

Marie-Luise Beck


 
 
 
 
 
 
 
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