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"Einander sehen" - Eine interreligiöse Kunstausstellung

13.05.2017 - 09.07.2017

Montag bis Samstag 10 - 18

Sonntag 11 - 18

Eintritt frei

 

 

 

„Einander Sehen“
Kalligraphie als ästhetische Brücke im interreligiösen Dialog

Eine interreligiöse Kunstausstellung mit Kalligraphien aus Tora, Neuem Testament und Koran

Heilige Schriften als Wahrnehmungsraum und spirituelles Erleben

 

 

In Bagdad, im Haus der Weisheit (arabisch: Bayt-al-Hikma) wurden im 9. Jahrhundert die wichtigsten Werke der Antike vom Griechischen ins Arabische übersetzt.  So konnten die bedeutendsten Exponenten der hellenistischen Antike und ihre wissenschaftlichen Errungenschaften später in Toledo aus dem Arabischen wiederum ins Lateinische übertragen und somit für die europäische Wissenskultur bewahrt und weiter in deren einzelne Volkssprachen übersetzt werden. Dieser Kulturtransfer ist ohne die Leistung der arabischen Schriftlichkeit und ihrer besonderen Sprach- und Stilformen nicht denkbar.

In dieser Ausstellung steht die Ästhetik der arabischen Schrift im Mittelpunkt. Ihre Schönheit soll heute wie damals die Brücke zum Wissen voneinander und miteinander stets neu zu erleben und zu begehen helfen. Und dieser Weg, wo man – wie in Lessings Nathan – das Fremde im Eigenen wiedererkennen mag, führt zum interreligiösen Dialog, zur interkulturellen Verständigung.  Im heutigen Europa und nicht zuletzt in Deutschland wird kulturelle Vielfalt und die Wertschätzung ihrer einzelnen Komponenten hoch veranschlagt: Dass dies keine Selbstverständlichkeit, sondern eine immer wieder zu erneuernde kulturelle Leistung und eine Notwendigkeit ist, zeigt uns die heutige politische Situation in aller Dringlichkeit. Damals – vor ca. zwölfhundert Jahren – wurde die arabische Schrift zur Brücke der wissenschaftlichen Entwicklung.  Heute soll sich – in dieser Ausstellung – diese Schrift als ästhetische Brücke zum interkulturellen Dialog präsentieren.    

Denn: Gott ist schön und er liebt die Schönheit – heißt es in einem berühmten Vers, der in vielen Kalligraphien aufs Schönste zur Vorstellung gebracht wird; oder mit Schiller gesprochen: Nur durch das Morgentor des Schönen drangst du in der Erkenntnis Land. Durch die Ästhetik der arabischen Schrift bzw. die Kunst der islamischen Kalligraphie sollen sich die Herzen für die Schönheit Gottes öffnen, soll die Brücke der Erkenntnis gangbar, sollen auch die interkulturelle Verständigung und der interreligiöse Dialog gefördert und intensiviert werden. Seit Sommer 2006 ist mein Werk in zwanzig Ausstellungen, die bundesweit in katholischen und evangelischen Kirchen stattfanden, der Öffentlichkeit präsentiert worden.  Die Ausstellungen der islamischen Kunst bzw. der arabischen Kalligraphie in christlichen Kirchen ist nicht eine Selbstverständlichkeit.  Durch die Öffnung ihrer Türen für die islamische Kunst haben die Kirchen damit einen großen und mutigen Schritt getan: Der Blick auf den Anderen, das Wiedererkennen des Eigenen im Anderen, die Sensibilität für das Besondere des Eigenen erhebt den jeweiligen sakralen Raum in ein Bayt-al-Hikma, ein Haus der Weisheit. Mit Staunen hat die Öffentlichkeit die Eröffnung der Ausstellung in St. Peter Aachen 2007 wahrgenommen, als der Bischof Heinrich Mussinghoff durch seinen Vortrag über die erste Sure Fatiha aus dem Koran die Ausstellung eröffnete. Die überwältigende Besucherzahl in allen meinen Ausstellungen beweist deutlich, dass ein breites Publikum diesen Ansatz sehr begrüßt.

Der Dialog der Religionen ist angesichts der heutigen Weltsituation dringender denn je. Die Geschichte gehört Menschen, die zusammenbringen, was früher getrennt war; Lebenswege gehen, die früher versperrt waren.“ (aus: K. J. Kuschel; Leben ist Brückenschlagen. 2011)

Es ist die besondere Ästhetik der arabischen Schrift, die auch große Dichter wie Goethe faszinierte und die auch die Grundlage dieser Ausstellung darstellt. Seine Bewunderung für die arabische Schrift, drückt Goethe in einem Brief (1815) so aus: „In keiner Sprache ist vielleicht Geist, Wort und Schrift so uranfänglich zusammengekörpert.“

In dieser Ausstellung sollen die kalligraphisch dargestellten Texte aus Thora, Bibel und Koran auf großen Holztafeln (210cm x 75cm) den Schwerpunkt bilden und dem Betrachter eine gedankliche Auseinandersetzung mit den inhaltlichen Gemeinsamkeiten und Unterschieden in den heiligen Texten  ermöglichen. 

Die Wort-Skulptur cILM – das "Wissen" und die "Weisheit" – in Bronze öffnet einen neuen Ansatz in der Kunst der Kalligraphie: Hier zeigt sich die Kalligraphie in der Dreidimensionalität. Die Schrift löst sich von ihrem zweidimensionalen Hintergrund. Sie steht frei im Raum. Die Verschmelzung der Buchstaben, der drei Wurzelkonsonanten (cain-lam-mim) miteinander und ihr Übergang von der Dreiheit zur Einheit, wird allseitig sichtbar.

Die drei Meter hohe Skulptur Alif aus Holz, die umgeben von anderen Werken im Raum steht, will einen Hinweis auf die Gemeinsamkeiten im Alphabet aller drei heiligen Schriften geben. Denn das Alphabet der drei großen mediterranen Schriftkulturen beginnt mit einem Alif bzw. mit Alpha. Entsprechend kann das Alif auch Mittelachse und Bezugspunkt innerhalb eines Triptychons sein: zur einen Seite die 1. Sure des Korans (al-Fatiha), zur anderen das Abana, das "Vaterunser" wie es arabisch sprechende Christen zu beten gewohnt sind.

Die kalligraphisch-bildnerisch dargestellten Dichtungen von großen Dichtern und Mystikern wie Goethe, Rilke, Hölderlin, Mansur Hallaj u.a. – in arabischer Übersetzung und auch in Originalschrift – bilden eine weitere Brücke für den Betrachter. Die Übersetzungen der arabischen Dichtungen ins Deutsche und der deutschen Dichtungen ins Arabische sind wortwörtlich die Brücken zu anderen Ufern. Nicht nur die künstlerische Umsetzung der arabischen Texte, auch deren Inhalt ist wichtig für das Verständnis einer Kunst, die versucht, zwischen Orient und Okzident eine Brücke zu bauen und der Vision von Friedrich Rückert „Weltpoesie allein ist Weltversöhnung“ ein Stück näher zu kommen.

 

 

Der Künstler Shahid Alam

Shahid Alam wurde in Lahore/Pakistan geboren, in einer Familie, in der über mehrere Generationen die Kunst der Kalligraphie gepflegt und tradiert worden war. Bereits im Alter von vier Jahren greift er zur Feder und beginnt spielerisch seine Hand in der arabischen Schönschrift zu üben. Im regelmäßigen Kalligraphie-Unterricht an der katholischen Schule der Franziskaner in Lahore festigt und verfeinert er die frühen Grundlagen. Als reifender Künstler bietet ihm die Kalligraphie den Freiraum seines künstlerischen Schaffens.

1973 kam Shahid Alam nach Deutschland. Er studierte Pädagogik, Kunst, Politik- und Europawissenschaften in Dortmund und Aachen und war über 20 Jahre im Bereich der Bildung und Kunst als Lehrer an unterschiedlichen Schulen und Bildungseinrichtungen, hauptsächlich in Deutschland, aber auch in Pakistan tätig. Seit 1996 arbeitet er als freischaffender Künstler in Stolberg bei Aachen.

Die Kunst der arabischen Kalligraphie hat in seiner künstlerischen Tätigkeit einen besonderen Platz eingenommen. Den Künstler und Kalligraphen Shahid Alam faszinieren die Gestaltungsmöglichkeiten eines Wortes in der arabischen Schrift. Die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten eines Wortes, das erst durch die einzigartige Verbindungskunst der Buchstaben entsteht, faszinieren ihn auch heute noch - nach mehr als vier Jahrzehnten Tätigkeit als Kalligraph. Die Buchstaben vermählen sich, um ein Ganzes zu bilden - das Wort-Bild. Sie opfern ihre individuelle Form, fügen sich, um sich dann mit - einander zu verbinden. So entsteht eine neue Kunst der Wort-Skulpturen.

Diese einzigartige Kunst der Verbindung Buchstaben lässt  „...Geist, Wort und Schrift so uranfänglich zusammengekörpert ....." (Goethe) erscheinen. Durch die plastische und atmosphärische Gestaltung des Wort-Bildes gelingen ihm Werke von außerordentlicher Plastizität und visueller Kraft. Mehr noch: Das entstandene Wort ist ein plastisch ausgewogenes Bild, woraus der Künstler auch skulpturale Formen ableitet.

Die kulturelle und religiöse Vielfalt in seiner Heimat vor dem Hintergrund der dortigen politischen und wirtschaftlichen Antagonismen haben sein Leben und seine Kunst entscheidend geprägt. Diese seine Kunst stellt er heute in der Freiheit der europäischen Öffentlichkeit in den Dienst des interkulturellen und interreligiösen Dialogs, der von der Ästhetik und Schönheit der arabischen Schriftkultur getragen wird und von dort aus neue Wege der Vermittlung und des gegenseitigen Verständnisses eröffnet.