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Interview Nasir Khalid

„Mir gefällt hier die Pünktlichkeit.“

 

Nasir Khalid, vor acht Jahren aus Nigeria geflüchtet, spricht über sein Ankommen in Deutschland.

Mit ihm sprach Marie-Luise Beck, Mitglied des Gemeindekirchenrates von St. Thomas.

 

Viele Menschen aus Kreuzberg werden sich noch an die Oranienplatz-Flüchtlinge von vor fünf Jahren erinnern. Und alle Mitglieder von St Thomas und den Nachbargemeinden erinnern sich zweifellos noch an den September 2014, als rund 80 Geflüchtete und viele Unterstützer die St. Thomas Kirche besetzten.

Schnell wurde damals den Geflüchteten klar, dass es mitnichten so ist, dass der evangelische Bischof der Evangelischen Kirche Berlin, Brandenburg, Schlesische Oberlausitz (kurz: EKBO) nur mal „ein ernstes Wörtchen“ mit dem Regierendem Bürgermeister zu reden habe – und schon wären sie in den ersehnten Stand der Legalität befördert. Und schnell wurde der St Thomas Gemeinde klar, dass der durchaus aggressive Akt der Kirchen-Besetzung nicht aggressiv mit einer polizeilichen Räumung beantwortet werden durfte. – Dass die Polizei dem Anspruch der St Thomas Gemeinde ein eher nachsichtiges Lächeln entgegenbrachte und fest damit rechnete, dass er früher oder später scheitern würde, war das eine. Das andere war: dass die umliegenden Kirchgemeinden, der Kirchenkreis Stadtmitte, ja, die Kirche insgesamt zusammenstanden - und statt der Räumung eine Verteilung der Obdachlosen auf insgesamt 11 Gemeinden realisieren konnten und zwar für vier Wochen…

Daraus sind heute vier Jahre geworden. Vier Jahre, in denen viele Geflüchtete– aber nicht alle – mit Hilfe des Rechtsanwalts Matthias Lehmann und anderen Aktiven, den Status als Geduldete oder Asylberechtigte erlangen, einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz finden und in denen die Gemeinden die Unterkünfte immer wieder verlängern, Hilfen und Finanzen bereitstellen konnten.

Anlass genug für einen Dankgottesdienst in St Thomas: Bischof Markus Dröge, die Pfarrerinnen Heike Steller-Gül und Friederike von Kirchbach erinnerten an die Anfänge, Susanne Wilkening sprach für die vielen Ehrenamtlichen, die die Männer bis heute auf ihrem langen und wechselvollen Weg begleiten, und einige Geflüchtete bedankten sich bei den Gemeinden und eröffneten ihre Foto-Ausstellung mit dem Titel: „Angekommen?“.

Nasir Khalid aus Nigeria, 25 Jahre alt, hatte die Idee zu der Ausstellung. In einem Gespräch mit Marie-Luise Beck aus St. Thomas erklärt er, warum - und was ihn sonst noch bewegt.

 

© Andreas Beckermann

Festgottesdienst in St Thomas mit Bischof Markus Dröge (ganz rechts), Nasir Khalid (2. V. re) und anderen. © A. Beckermann

 

Nasir, du hattest die Idee mit dieser Ausstellung und du hast sie zusammen mit Freunden realisiert. Wie kam es zu der Idee?

Wenn dir jemand etwas Gutes tut, dann möchtest du dich bedanken, so wie jeder Mensch. Zusammen mit meinen Freunden habe ich überlegt, wie wir den Leuten der Kirche unseren Dank ausdrücken können. Wenn du an Gott glaubst, dann bedankst Du Dich zuerst bei Gott, dass er dir diese Menschen geschickt hat. Aber das reichte uns nicht. Wir wollten uns auch direkt bedanken. Wir haben ja nicht viel, große Geschenke können wir nicht machen. Also dachten wir, die Foto-Ausstellung macht die Leute der Kirche vielleicht glücklich und stolz. Die Ausstellung zeigt: schaut her, was aus uns geworden ist, was wir schon geschafft haben – auch dank euch Hilfe! Wir haben viel gelernt von euch: wie hier die Dinge laufen, wie wir überleben können, wie wir aus der Illegalität rauskommen können oder wie wir Arbeit finden können. Man muss ja hier viele Regeln einhalten, die wir nicht kennen. Aber auch, wie wir eine Ausbildung, vielleicht sogar ein Studium machen können. Nicht alle von unseren Leuten konnten bleiben, nicht alle haben die Dokumente bekommen, darüber sind wir traurig.

Und wer hatte die Idee für den Titel der Ausstellung?

Das war tatsächlich Matthias.

 

© Andreas Beckermann

Plakat der Ausstellung “Angekommen?” – Foto © Andreas Beckermann

 

Die Ausstellung „Angekommen?“ hat ja ein Fragezeichen. Also Frage: Bist du angekommen?

Ja, ich glaube, jetzt da ich arbeiten kann, bin ich auch angekommen. Und ich werde sogar bald mit einer Ausbildung in der Solartechnik starten können. - Aber es war oft sehr hart. Und manchmal ist es das noch. Wo kommt das nächste Geld her? Woher der Schlafplatz? Was will die Ausländerbehörde von mir? Wir konnten immer auf die Leute der Kirche zählen, vor allem auf Susanne und Matthias. Sie sind immer für uns da, zur Not Tag und Nacht. Wir müssen keine Angst haben, dass wir etwas Falsches sagen. Wir können ihnen vertrauen. Sie sind ehrlich zu uns, sagen uns auch, was nicht geht.

Jeden Dienstagabend kochen wir zusammen in der St Thomas Gemeinde und Matthias macht Rechtsberatung. Jeder, der mag, ob geflüchtet oder einheimisch, kann kommen. Und dann essen wir gemeinsam – wie eine Familie.

Das heißt, die Arbeit ist entscheidend für das Ankommen in Deutschland?

Ja, für mich auf jeden Fall. Aber manche sind auch aus anderen Gründen hierhergekommen: sie wollen zuerst studieren. Wieder andere, zum Beispiel die Leute aus Syrien, sind vor Krieg geflohen. Sie wollen einfach nur in Frieden und Sicherheit leben. Und in Freiheit. Das ist für uns Europa.

Du hattest vorhin gesagt, dass ihr euch zuerst bei Gott für die Hilfe bedankt hattet. Viele Menschen, gerade in Berlin, glauben nicht an Gott.

Alles ist erschaffen von Gott. Nur Gott ist nicht erschaffen nach unserem Glauben. Niemand hat Gott erschaffen. Eine Welt ohne Gott – das verstehe ich nicht. Wie kann man sein Leben so leben? - Vielleicht können sie nichts dafür, dass sie nicht glauben. Vielleicht liegt es an ihrer Familie. Vielleicht haben die Älteren in der Familie, die Großeltern und die Onkel und Tanten, sie nichts über Gott gelehrt. So wachsen die Kinder heran, ohne jemals etwas von Gott gehört zu haben. Sie haben einfach keine Informationen. Und wenn du mit ihnen reden willst, dann wissen sie nicht, was du meinst. Sie verstehen es einfach nicht. Nur mit sehr viel Glück können sie in Kontakt mit Gott kommen. An Gott zu glauben, ist etwas sehr spirituelles, es ist etwas, was in Deinem Körper ist.

Ich habe viele deutsche Freunde, die Atheisten sind. Sie sind gute Menschen! Sie tun Gutes aber sie glauben nicht an Gott. Ich kann es nicht verstehen. Ich wäre wirklich glücklich, wenn sie einen Weg zu Gott finden könnten.

Dein Glauben ist dir also wichtig?

Ja! Vor acht Jahren habe ich Nigeria verlassen und erst jetzt komme ich hier richtig an. Ohne Glauben kann man in meiner Situation leicht Selbstmordgedanken haben. Ich habe aber immer darauf vertraut, dass Gott mir weiterhilft – auch in ausweglosen Situationen. Es ist nicht so, dass Gott persönlich herunterkommt und dir hilft. So ist es nicht. Aber sein Geist hilft. Er beruhigt mich, er hilft mir zuversichtlich zu bleiben. So kannst Du gelassen sein, auch wenn du ein richtig großes Problem hast. - Aber wenn Du keine Religion hast, was hast du dann? Du brauchst dann vielleicht Wodka, um zu vergessen. Aber nach dem Wodka ist das Problem immer noch da. Wenn Du den Koran liest oder die Bibel, dann liest du Geschichten, die schön sind und dich die Probleme vergessen lassen und manchmal merkst du auch, dass da Probleme angesprochen werden, die du gerade selber hast.

Es gibt drei Sätze aus dem Koran, die mich immer begleiten. Der eine ist: „Nur wenn du Geduld hast, kannst Du weiterkommen.“ Der andere: „Manchmal bist du glücklich und manchmal bist du unglücklich – das ist das Leben.“ Und der letzte Satz lautet: „Wenn du in einer schwierigen Situation bist – vertraue darauf, dass dein Problem gelöst wird.“ - Diese drei Sätze haben mich durch die acht Jahre begleitet.

Andererseits, in Nigeria, deinem Heimatland, gibt es Konflikte zwischen Christen und Muslimen mit vielen, vielen Toten.

Wir haben drei riesengroße Probleme in Nigeria: ein religiöses Problem, ein Problem mit den unterschiedlichen Stämmen und Ethnien und ein politisches Problem. Ich habe Abuja verlassen wegen religiöser Konflikte. Ich selbst bin Moslem. Die Konflikte sind zwischen Christen und Muslimen aber auch zwischen dieser Sprache und jener Sprache. Wir sind fast 200 Millionen Menschen in Nigeria und wir sprechen fast 500 Sprachen. Die allermeisten Menschen sind entweder christlich oder muslimisch, etwa zu gleichen Teilen. Aber es gibt immer Streit, ob auch die Macht gleich verteilt ist. Ist ein Staatspräsident Muslim, fühlen sich die Christen unterdrückt und umgekehrt. Dann gibt es viel Streit und Gewalt und die Medien berichten viel darüber.

Die religiösen Konflikte haben eigentlich politische Gründe. Sie gehen auf den Kolonialismus zurück. Unsere Probleme sind Korruption und mit zu wenig Bildung. Das sind unsere wahren Probleme! Und die meisten Menschen übernehmen zu wenig Verantwortung für ihr Leben und für ihre Kinder. Zum Beispiel sorgen sie nicht dafür, dass sie zur Schule gehen. Sie bekommen einfach Babys, Babys, Babys -  ohne darüber nachzudenken, ob sie ihnen eine Zukunft bieten können.

Und siehst du eine Lösung für dein Land?

Die Lösung ist die neue Generation. Die alte Generation macht nichts. Die neue Generation will nicht mehr alle Traditionen akzeptieren. Sie sagt ihre Meinung.

Auch wir hier in Deutschland haben unsere Meinung gesagt und wir haben protestiert. Wir sind gegen Gesetze wie das Dublin–Abkommen. Deshalb protestieren wir. Die Deutschen, die Europäer haben keine Ahnung, was diese Gesetze mit uns machen. Die Medien informieren sie nicht richtig.

Gibt es noch andere Dinge, die dir in Deutschland oder in Europa nicht gefallen?

Mir gefällt hier eigentlich alles! Es gibt hier viel mehr Gleichheit als in Nigeria. Zum Beispiel gehen ganz reiche Menschen und ganz arme Menschen alle in den gleichen Supermarkt. Mir gefällt, dass alles so gut organisiert ist. Und die Pünktlichkeit. Hier musst du immer pünktlich sein. Aber ich mag das. Es ist besser. - Und ich mag, dass die Bildung hier so gut ist. Die Lehrerinnen und Lehrer wollen wirklich, dass du lernst, dass du die Dinge auch verstehst. Sie sind daran interessiert, dass du besser wirst und sie helfen dir. Jeder hier hat die Chance etwas zu lernen. Und wer etwas gelernt hat, kann sich überall zurechtfinden! - Und dann hat hier alles Qualität. Die Ausbildungen sind sehr unterschiedlich: ob du Maler wirst oder Elektriker, du musst unterschiedliche Dinge lernen und daher kommt die Qualität. Die Deutschen versuchen immer die beste Qualität zu erreichen. Dass so viele Menschen uns Geflüchtete unterstützen, ist auch gut. Sie sehen, dass wir kein Problem sind, solange wir nicht kriminell werden. Natürlich will niemand Kriminelle in seinem Land haben! Aber wenn Du nicht kriminell bist, dann unterstützen sie dich.

Und dann gibt es leider auch die, die keine Ausländer mögen. Sie sagen: wir wollen euch nicht, wir wollen unser Land für uns alleine. Sie hassen uns, nur weil wir Ausländer sind. Egal, was ich machen würde, sie würden weiter hassen. Das macht mir große Sorgen.

Mich selber hat noch niemand angegriffen oder mir gesagt, dass ich abhauen soll. Aber in den Medien reden diese Leute immer so. Und am Arbeitsplatz habe ich es schon erlebt, dass manche Leute völlig gedankenlos eine Bemerkung machen, die mich kränkt. Vielleicht merken sie es nicht, vielleicht meinen sie es nicht so, vielleicht denken sie, es sei ein Witz  – aber egal: es ist kränkend. Ich sage dann erstmal nichts. Ich denke, dass sie vielleicht schlecht erzogen sind. Manchmal versuche ich mit ihnen zu sprechen. Vor allem mit den jungen Leuten. Man muss etwas machen, weil wir jetzt die neue Generation sind. Es macht keinen Sinn, alle Leute in ihre Heimatländer zu schicken und voreinander Angst zu haben. In Nigeria gibt es auch viele Deutsche, die dort arbeiten. Sollen sie auch alle zurückgehen?

Du hast 2010 Nigeria verlassen, warst drei Jahre in Italien und bist seit fünf Jahren in Deutschland. Das ist eine lange Zeit. Würdest du es wieder tun?

Ich weiß es nicht. Ich hatte ja damals überhaupt keine Ahnung, was mich erwarten würde. Ich wusste nichts von Deutschland oder von Italien. Ich hatte auch keinen Plan hierherzukommen. Es ist einfach passiert. Jetzt habe ich einen Plan: Ich will hier leben und arbeiten und meine Ausbildung machen. Und ich wünsche mir eine Familie – einfach ein normales Leben, so wie jeder Mensch auf der Welt.

© Andreas Beckermann

Mit Nasir Khalid sprach Marie-Luise Beck, Mitglied des Gemeindekirchenrates von St. Thomas. - Die Rechtsberatung für Geflüchtete und das gemeinsame Abendessen findet jeden Dienstag, ab 18 Uhr, im Gemeindehaus St. Thomas, Bethaniendamm 25, statt und ist offen für alle Interessierten.