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Leid und Leidenschaft

 

Bilder von Barbara Duisberg

 

Ausstellung vom 04.04.2013 bis zum 29.07.2013

 

Künstlergespräch:

Sonntag, den 07.Juli 2013 ab 11:15 Uhr (nach dem Gottesdienst) steht

Barbara Duisberg Ihnen für Gespräche und Fragen zur Verfügung.

 

 Tschechenien_Thomas-Bote.jpg

 

Tschechenien - copyright für das Bild bei Barbara Duisberg

 

 

Barbara Duisberg

1961 geboren in Nürnberg

Studium der Kunstgeschichte, Baugeschichte und Philosophie in Bamberg und Karlsruhe.

 

Als Barbara Duisberg nach dem Abitur vor der Wahl stand, Kunst zu studieren, fühlte sie, dass die Kunstakademie nicht der richtige Ort für sie war. Deshalb entschied sie sich für ein Studium der Kunstgeschichte in Bamberg. Beim Wechsel nach Karlsruhe kamen noch Baugeschichte und Philosophie hinzu. Barbaras Lebensweg hat sie über Umwege doch wieder zur Kunst geführt. Mittlerweile ist sie überzeugt, dass für sie eine gewisse Reife vonnöten war, um Kunst ernsthaft schaffen zu können.

 

Die Kunstgeschichte lehrt, Kunst distanziert zu betrachten und neutral zu analysieren.

 

Barbara meint, hier sei es ein Tabu zu sagen: „Das finde ich schön.“

Kriterien sind nur wichtig oder unwichtig. Als Beispiel nennt sie Kasimir Malewitschs „Schwarzes Quadrat“ von 1914/15. Es war radikal, hatte die bis dahin bestehenden Wertesysteme und Normen auf den Kopf gestellt und wurde somit zur Initialzündung für die abstrakte Bewegung. Deshalb war es wichtig.

 

Das erste Bild, bei dem sie sich als junge Frau den emotionalen Zugang zur Kunst erlaubte und den Gedanken „Wie schön!“ zulassen konnte, hat sie sich direkt gekauft. Es war ihr plötzlich egal, ob es einen Wert hatte oder unter kunstkritischem Aspekt wichtig war, und sie hat es nie bereut, dieses Bild liebt sie bis heute.

 

Nach dem Studium kamen direkt hintereinander ihre vier Kinder. Seit 1990 lebt die Familie in Berlin. Für ein paar Jahre war sie Hausfrau und Mutter. Durch die situationsbedingte praktische Arbeit zuhause konnte sie sich nicht mehr vorstellen, wissenschaftlich zu arbeiten. Zufällig lernte sie ein paar junge Leute kennen, die beruflich Wandoberflächen gestalteten. Dieser sehr praktische Ansatz, der großflächige Umgang mit Farbe und die Gestaltung gesamter Räume faszinierte sie. 2004 gründete Barbara schließlich ihre eigene Firma. Ganze Räume mit Farbe zu beherrschen, ließ bei ihr den Mut wachsen, auch beschränkte Flächen wie ein Bild mit Farbe zu gestalten. Nach vielen Jahren hat sie dann erst wieder angefangen zu malen.

 

Zwei Jahre schwelgte Barbara bei ihren Bildern förmlich in Farbe; das erste Bild auf Goldgrund kam schlagartig und völlig unvermittelt. Als sich 2008 das Kosovo unabhängig erklärt hatte, erschien auf dem Titelblatt aller Tageszeitun12 Thomas – Bote gen ein Foto mit schwer bewaffneten UN-Soldaten, die die Grenze zwischen Serbien und dem Kosovo sicherten. Wochenlang lag dieses Foto auf dem Küchentisch, bis sie plötzlich wusste, dass sie es malen musste.

 

Die Künstlerin löste die einzelnen Figuren aus ihrem ursprünglichen Umfeld und setzte sie auf einen goldenen Hintergrund. Gold fesselt die Aufmerksamkeit und zwingt uns hinzuschauen; so kommen wir an ihnen nicht mehr vorbei. Die kritischen Themen stehen dabei im Widerspruch zu den vielschichtigen Bedeutungsebenen des Goldes; dies irritiert und verstört den Betrachter.

 

Aber gerade das Befremdliche schafft einen neuen Ausgangspunkt, um sich auch inhaltlich mit den dargestellten Menschen auseinanderzusetzen. Die räumliche und zeitliche Entkopplung verleiht den Personen allgemeine Bedeutung. Gleichzeitig werden sie durch den Goldgrund zu Ikonen. Nur noch die Bildtitel erinnern an die Orte der Geschehnisse und mahnen uns: Was wissen wir nämlich über Goma, Bagdad und Tschetschenien? Im Gegensatz zu der kurzen Halbwertzeit der Pressefotos von Elend, Krieg, Armut und Leid, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden, brennen sich die großformatigen Darstellungen von Barbara Duisberg im Gedächtnis dauerhaft ein.

 

Der Jahrhunderte alte christliche Hintergrund unserer Kunstgeschichte prägt noch immer unsere Sehgewohnheiten. In den Fotos, die die Künstlerin auswählt, erkennt sie Motive, die solche Sehgewohnheiten bedienen. Barbara sieht z. B. In einem Bild mit einem Stacheldraht auch die Dornenkrone. Topos und Ikonografie schwingen hintergründig mit und rufen gleichsam eine kollektive Erinnerung wach. Die Ästhetik ihrer Arbeiten geht an unsere Schmerzgrenze.

 

Der Titel der Ausstellung Leid und Leidenschaft erinnert uns an Leid-Tragende und die ungeheure Antriebskraft der Leidenschaft. Wenn Menschen in ihrem Leben oder ihrem Umfeld etwas als richtig oder falsch erkennen, äußerer Druck und der Wille zur Veränderung zur Triebfeder werden, wenn sie mit Vehemenz und Leidenschaft für ihre Ideale einstehen, kann dies weitreichende Folgen haben.

 

Selbst scheinbar Unbeteiligte sind gezwungen zu reagieren, Stellung zu beziehen und ihr eigenes Verhältnis dazu zu überprüfen. Sie müssen aktiv werden, März 2013 13 selbst wenn es, um des Überlebens willens, Flucht ist. So kann aus Leidenschaft auch neues Leid entstehen.

 

In dem Bild „Tschetschenien“ wird die russische Menschenrechtsaktivistin und Journalistin Natalija Estemirowa bei einer muslimischen Beerdigungszeremonie zu Grabe getragen. Sie wusste, dass sie ihr Leben durch ihr Engagement in Tschetschenien riskierte. Die Leidenschaft, die sie trieb, für ihre Überzeugungen einzutreten, hat sie schließlich ihr Leben gekostet. Der Moment des Begräbnisses zeigt, in einer seltsam einheitlichen Haltung, die stumme Trauer der Hinterbliebenen.

 

Das Motiv der Grablegung und Beweinung gibt es auch in der christlichen Kunst. Hier ist es nicht Jesus, aber der gewaltsame Märtyrertod erinnert an das Leiden und den Tod Christi.

 

Bei allen Arbeiten von Barbara Duisberg geht es ihr um die Allgemeingültigkeit der abgebildeten Situationen, um gesellschaftliche Verantwortung sowie um die Verantwortung jeder/jedes Einzelnen.

 

2013© Brigitte Denck