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Gerd Stallbaum - Rhythmus, Farbe, Licht

Rhythmus Farbe Licht

 

Ausstellung von 29. November 2013 bis 5. März 2014

 

 

 

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Gerd Stallbaum, Maler und Bildhauer

geboren 1941in Göttingen;

Design und Malerei-Studium an der Fachhochschule für Gestaltung in Hannover;

Studium der Bildhauerei an der Hochschule der Künste Berlin; Meisterschüler bei Prof. Joseph Lonas

 

 

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„Ich bin farbig, vital, laut und nicht leise!“, sagt Gerd Stallbaum über sich selbst. Steht man vor seinen Werken, glaubt man ihm das sofort. Die rhythmisch starken und farbintensiven Glasbilder vermitteln dem Betrachter eine Ausdruckskraft, die sich schier explosionsartig entlädt. Lässt man sich tiefer darauf ein, erkennt man, wie die Dynamik dennoch durch ungeheure Präzision und Sorgfalt der Arbeitsweise im Zaum gehalten wird; nichts ist dem Zufall überlassen. Jedes künstlerische Werk beinhaltet unendlich viele Möglichkeiten, aber nur eine richtige Lösung, und die will gefunden werden. Es sei ein Tanz mit den Linien, beschreibt der Maler und Bildhauer, bis er wisse, jetzt stimme alles. Manchmal läuft dieser monatelange Prozess spielerisch ab, beinahe von selbst; ein anderes Mal kostet er Schweiß und Blut. Das ist das Los des Künstlers.

 

Gerd Stallbaum beschäftigt sich über Wochen und Monate mit Struktur, Rhythmus und Linien, er fertigt Arbeitskartons in Originalgröße an, immer wieder, bis er glaubt, die Form gefunden zu haben. Ist der Entwurf stimmig, beginnt erst der handwerkliche Teil, der weitere drei bis vier Wochen in Anspruch nimmt: das Schneiden der teuren Glasscheiben - je farbiger, desto schwieriger der Schnitt -, die feine Farbabstimmung der Glasstückchen untereinander und das Löten der Bleiruten. Das Glasbild „Der dritte Tag“ zum Beispiel besteht aus über 330 Einzelstückchen. Gerd benutzt die Bleiruten als Gestaltungselemente, die er in einen Rhythmus überführt. Er ziseliert die Linien, wie ein Bildhauer. Die inhaltlichen Zusammenhänge, der Schwung und das Spiel der Linien müssen sich in der dreidimensionalen Umsetzung bewähren, und vieles verändert sich noch während dieses Fertigungsprozesses. Das intuitive gestalterische Moment folgt der inneren Logik des Bildes, Gesetzen von Harmonie und Schönheit. Das Ergebnis ist eine Stimmigkeit, die auch wir als Laien wahrnehmen können.

 

Was bringt einen Künstler heute noch dazu, mit solch aufwändiger Technik und noch dazu ungewöhnlich kostbaren Materialien zu arbeiten? Mundgeblasenes Flachglas wird in Deutschland nur noch in einer einzigen Glashütte hergestellt, einem von weltweit drei Betrieben. Die bewusst geförderten Unregelmäßigkeiten verleihen dem echten Antikglas ein sich dauernd änderndes Glänzen und Schimmern. Sie sind bedingt durch unterschiedliche Materialstärken, durch Bläschen, die während des chemischen Prozesses entstehen, sowie durch sanfte Farbverläufe, die Bildern aus Antikglas ein faszinierendes Farbenspiel verleihen.

 

Es ist das Licht, sagt Gerd, der Perfektionist. Spannend ist vor allem, wie man Räume durch diese sich stetig wandelnden Einflüsse atmosphärisch verändern kann. Jede Tageszeit hat ihre individuelle Lichtfarbe und Stärke. Morgens oder abends, winters oder sommers, je nachdem, welche Intensität das Licht besitzt, lässt es die Farben unterschiedlich leuchten. Erst eine natürliche Lichtquelle im Hintergrund entfaltet die lebendige Frische dieses warmen Spektrums in vollem Ausmaß. Das Glas wirkt wie ein Farbfilter, das gewisse Wellenlängen absorbiert. Das durchscheinende Licht schlägt an die Wände, vervielfältigt sich im Raum und reflektiert wiederum in das Fenster. Es wirkt dadurch sehr lebendig und in jedem Raum anders. Weil sich die Lichtbewegung ständig ändert, kann man sagen, es handelt sich um eine dynamische, fast schon kinetische Kunst. Der Winkel, in dem sich der Betrachter den Bildern nähert oder in dem er entlanggeht, beeinflusst das faszinierende Farbenspiel ebenso. Im Gegensatz zur Malerei verändert sich die Farbbrillanz des Glases nie.

 

Die Glasmalerei mittelalterlicher Kirchen, insbesondere gotischer Kathedralen mit ihrer überwältigenden Farbenpracht nannte man oftmals die Bibel der armen Leute. Ein Gottesdienstbesuch vermittelte den Gläubigen damals nicht nur geistliche Belehrung und Trost; die strahlenden Farben und das flutende Licht konnten auch Gottesnähe mystisch erfahrbar machen.

 

Nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg entstanden nun aber europaweit Sakralbauten mit neuartigen Glasfenstern in expressiv surrealer Darstellungsweise und hintergründiger Symbolik. Als ein Kind dieser Zeit wurde auch Gerd Stallbaum von diesen Einflüssen geprägt. 1963 schuf er, noch als Student, sein erstes Glasfenster für eine Friedhofskapelle bei Uelzen/Lüchow-Dannenberg. Sein damaliger Dozent Prof. Werner Brenneisen, der sein Talent erkannte, verschaffte ihm diesen Auftrag. Dies machte ihn in Hannover schnell bekannt, und andere Aufträge folgten.

 

Jetzt nach genau 50 Jahren stellt Gerd Stallbaum seine neuen großformatigen Glasbilder in der Kreuzberger St.-Thomas-Kirche aus. Er spannt einen Bogen vom Schöpfungsbericht der Bibel bis zum Leiden und Sterben Christi in nur drei Bildern: „Der dritte Tag“,„Engelsgruß“ und „Passion“. Gerd abstrahiert auch hier, er lässt weg; stehen bleiben drei besondere Ereignisse, von denen die Bibel erzählt. Damit lässt uns der Künstler allein.

 

Die Titel sind wichtig, sagt Gerd, so wie ein Kind einen Namen bekommen muss. Titel helfen uns, unsere Fantasie in Bewegung zu setzen. Sie helfen auch ihm, seine Empfindungen, die er selbst kaum fassen kann, zu beschreiben.

 

Am dritten Tag schied Gott Erde und Wasser voneinander, er ließ Gras, Kraut und fruchtbare Bäume wachsen. Auf dem ersten Teil der Trilogie „Der dritte Tag“ ist ein vertikales Geflecht einer vegetativen Form zu sehen. Stellt es den Baum des Lebens dar? Oder gar den Baum der Erkenntnis, von dessen Früchten später Adam und Eva kosten? Wie können wir gedanklich die Brücke schlagen zum „Engelsgruß“, der auf einer streng formalen Ebene die Begegnung zweier Welten, der himmlischen und der irdischen, beschreibt? Die Ankündigung des Engels an die zukünftige Gottesmutter Maria ist erkennbar in einer gebenden und einer empfangenden Gestik.

In „Passion“, dem letzten Bild des Zyklus, ist eine Auseinandersetzung spürbar, ein sich zuspitzender Konflikt, der wie ein blutgetränkter Flügel die Erde überspannt. Oder ist es der Arm des Gottesboten Gabriel, des Verkünders von Visionen? So symbolisiert das kraftvolle Rot hier das Leiden Jesu; es ist die Farbe des Blutes, aber auch der Liebe.

 

 

2013 © Brigitte Denck

 

Ausstellungseröffnung:

Donnerstag, 28. November 2013, 19:00 Uhr

 

täglich geöffnet von 11:00 bis 14:00 Uhr

 

Künstlergespräche:
Sonntag, 08. Dezember 2013, und Sonntag, 16. Februar 2014, jeweils ab 11:15 Uhr

Gerd Stallbaum steht Ihnen an diesen beiden Sonntagen ca. eine Stunde lang für Gespräche und Fragen zur Verfügung.

 

Kontakt: http://www.gerd-stallbaum.de/